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Nur Kurkonzerte reichen nicht

Die Konkurrenz hat Norderneys Stadt- und Kurverwaltung schnell umdenken lassen


Während die einen im Strandkorb liegen und sich an den bunten Drachen am Himmel erfreuen, arbeiten andere daran, dass es den Erholungssuchenden an nichts fehlt. Hochsaison auf Norderney.

Rund 250.000 Gäste mit 3 Millionen Übernachtungen und noch etwa 400.000 Tagesgäste pro Saison wollen auf Norderney versorgt und verwaltet werden. Verwaltungsreform im Urlaubsparadies? "In den letzten Jahren wurde reformbedingt zum Beispiel kein neuer Mitarbeiter mehr eingestellt", sagt Ludwig Salvarius, stellvertretender Stadtdirektor der Insel. "Man versucht halt, die Arbeit durch Umverteilung zu kompensieren". Nicht immer einfach, wenn einige Abteilungen der 46-köpfigen Stadtverwaltung nur aus zwei Personen bestehen. Gleichzeitig hat sich seit den 80-er Jahren der Tourismus stark verändert. "Die Gäste wollen mehr Service, mehr Qualität, mehr Abwechslung und mehr Angebote", bestätigt Herbert Visser, Veranstaltungs- und Eventmanager der Staatsbad Norderney-Kurverwaltung. Nur Kurkonzerte reichen da nicht mehr.

Ob Stadt- oder Kurverwaltung, ob Sonn- oder Feiertag: Die Insel ist sieben Tage die Woche 20 Stunden am Tag für die Gäste da. Um sechs Uhr morgens wird der Strand gereinigt, damit die Frühaufsteher und Strandjogger über keine leere Dose stolpern, von Ende März bis Ende Oktober werden jeden Tag Veranstaltungen bis in die Nacht angeboten, und an den Wochenenden gibt es weitere Highlights wie das Drachenfestival oder der "Nationale Stabhochsprung der Männer". Das alles muss organisiert werden.

Weniger Personal, mehr Belastungen

Urlaub? "Bei uns herrscht in der Saison Urlaubssperre. Das ist zwar nicht tarifvertraglich festgeschrieben, aber das wissen alle, die bei der Stadtverwaltung arbeiten", so Salvarius. Wie überall, bestätigt die Ausnahme die Regel. Die Beschäftigten des Bauhofs haben bis Oktober Pause, um die Gäste vor dem Lärm der Presslufthammer zu verschonen. Weniger Personal, mehr Belastungen: Auf Norderney bemüht man sich seit einigen Jahren kontinuierlich um noch mehr Service und Qualität. "Die Konkurrenz der anderen Inseln hat uns schnell umdenken lassen. Schließlich sind die Gäste unsere Existenzgrundlage", erläutert Salvarius die wirtschaftliche Notwendigkeit der gesteigerten Kundenorientierung.

Mitten in der Saison hat sich mit der rechtsgültigen Auflösung der Niedersächsischen Bädergesellschaft zum 1. Juli dieses Jahres eine weitere Veränderung vollzogen. Aus dem Verbund der drei Staatsbäder Bad Nenndorf, Bad Pyrmont und Norderney sind drei Einzelbetriebe geworden. Ursache für die Aufteilung der drei Staatsbäder war der "desolate wirtschaftliche Zustand der Staatsbäder in den letzten drei Jahren", so Gerd-Dietrich Tiefensee, der als Landesvertreter im Aufsichtsrat der neuen GmbH sitzt. Die Verluste der Bädergesellschaft erreichten nach dem Einbruch bei den Kuren durch die geänderte Kurmittelverordnung zweistellige Millionenbeträge. Je eingenommene Mark hat das Land zuletzt 40 Pfennig draufgelegt.

Um Strandkorb und Schwimmbad, Kinderanimation und Kurkonzert kümmert sich nun die Niedersächsische Staatsbad Norderney GmbH als hundertprozentige Tochter des Landes mit eigenverantwortlicher Budgetierung, einem Kurdirektor, der zugleich Geschäftsführer ist, und einem eigenen Aufsichtsrat.

Um mehr über die eigenen Schwächen und vor allem Stärken herauszufinden, veranstaltet die Kurverwaltung derzeit in Zusammenarbeit mit der "Europäischen Tourismus Institut GmbH" erstmalig eine Gästebefragung. Will man sich kundenspezifisch ausrichten, ist es wichtig zu wissen, ob mehr Familien mit Kindern kommen oder Einzelreisende, welche Verkehrsmittel genutzt werden, wie viel Geld ausgegeben wird, wie Insel und Angebote beurteilt werden usw. Nur so kann man erfahren, was man den Gästen bieten muss, damit sie sich wohlfühlen und wiederkommen, und ob sich Norderney an Rügen oder an Sylt messen muss.

In Gesprächen mit der Stadtverwaltung, der Gastronomie, den Hoteliers und der Reederei will man gemeinsam darüber nachdenken, was man alles verbessern kann, denn schließlich, so Tiefensee, "sitzen wir alle in einem Boot".

Heinke Liere
ReformZeit Nr. 3/ Oktober 1999

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