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"Wir konnten schon viel bewegen"

Helena Schultheiß und Fulya Kurun arbeiten als Mittlerinnen für die Polizei in der Region Hannover


Reformzeit 2/09
Beraten, informieren und tragen zur Deeskalation bei: die Mittlerinnen Helena Schultheiß (li.) und Fulya Kurun.

Altehrwürdig und auch ein klein bisschen einschüchternd wirkt das große Gründerzeitgebäude mit seinen typischen Erkern und seitlichen Türmen. Hier, in der Polizeidirektion Hannover, Waterloostraße 9, haben zwei Landesbedienstete mit einem ungewöhnlichen Beruf ihr Büro: Fulya Kurun und Helena Schultheiß sind Mittlerinnen. Was unspektakulär klingt, ist sichtbarer Ausdruck eines neuen Denkens, das vor etwa 15 Jahren mit der damaligen Reform in die niedersächsische Polizei einzog. Dass interkulturelle Kompetenz in der Polizeiarbeit zunehmend von Bedeutung ist, wird heute von keinem mehr ernsthaft bezweifelt. Dazu hat auch die Arbeit der niedersachsenweit vier Mittler ein Stück weit beigetragen.

Sie arbeiten zwar bei der Polizei, sind aber keine Polizistinnen. Das stellen Fulya Kurun und Helena Schultheiß gleich zu Beginn des Gesprächs klar. Das Büro mit den zwei großen Holzschreibtischen und der hohen Zimmerdecke wirkt fast ebenso altehrwürdig wie das ganze Gebäude. Hier kommen also Menschen mit Migrationshintergrund oder Zugewanderte her, wenn sie etwas auf dem Herzen haben? "Natürlich beraten wir Leute, die zu uns kommen", sagen Fulya Kurun und Helena Schultheiß. "Aber das ist nur ein Teil unserer Arbeit." Schultheiß kam 1994 mit ihrer Tochter nach Deutschland. 25 Jahre ihres Lebens habe sie nie daran gedacht, nach Deutschland zu gehen, sagt sie rückblickend. Erst, als infolge der Perestroika die alten Strukturen der Sowjetunion zusammenbrachen, sei es möglich geworden, einen Ausreiseantrag zu stellen.

1990 gingen die ersten Verwandten aus Russland weg; und auch die Lehrerin Helena Schultheiß, inzwischen geschiedene alleinerziehende Mutter und ohne geregelte Arbeit, sah in ihrer alten Heimat keine Perspektive mehr. Tausenden Russlanddeutschen in Sibirien und Kasachstan ging es damals genauso. Hier angekommen, erging es ihr wie vielen Aussiedlern und Zugewanderten: Ihr Berufsabschluss wurde nur teilweise anerkannt. Sie schulte zunächst um und landete als Schreibkraft zufällig bei der Polizei in Hannover im Dezernat Öffentlichkeitsarbeit.

Ebenso zufällig lernte sie dort die "Türkin in der zweiten Generation" Fulya Kurun kennen, die bereits seit 1995 als Mittlerin bei der Polizei arbeitet. Als 1998 die zweite Mittlerstelle vakant wurde, wurden die beiden Frauen direkte Kolleginnen. Zuerst lag der Fokus der täglichen Arbeit bei Hilfesuchenden, welche in irgendeiner Form mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren. Helena Schultheiß schildert einen banalen Fall, wie sie es nennt: "Sie gehen in den Supermarkt und legen, weil Sie vielleicht keinen Wagen dabei haben, etwas in ihre Tasche, was sie später an der Kasse bezahlen wollen." Vergisst man das Bezahlen dann tatsächlich, verschärfen mangelnde Sprachkenntnisse das Problem. Vor allem älteren Russlanddeutschen passiere das schon mal.

Dass es die Mittlerinnen überhaupt gibt, ist unter den Russlanddeutschen und auch der türkisch-deutschen Gemeinde bekannt. Viel Zeit nimmt die Arbeit ein, die weniger sichtbar, aber eine immense Bedeutung hat: Kontaktpflege mit allen wichtigen Migrantenselbsthilfeorganisationen, die nicht nur in der Region Hannover viele Funktionen haben, Sprachrohr, Heimat in der Fremde, Infobörse und soziale Anlaufstelle in einem sind.

Fulya Kurun arbeitet seit ihrem 12. Lebensjahr ehrenamtlich zum Beispiel bei der Arbeiterwohlfahrt oder türkischen Kulturvereinen, gab Nachhilfe und organisierte Sprachkurse. Als Dreijährige war sie Anfang der 70er Jahre von ihren Eltern nach Deutschland geholt worden, wo sie in einem kleinen Dorf im Lipper Land lebten – als einzige ausländische Gastarbeiterfamilie. Allerdings nur am Wochenende – unter der Woche war Fulya bei deutschen Pflegeeltern untergebracht. Denn zunächst waren die Eltern aus Istanbul ohne ihre Kinder zum Arbeiten hierhergekommen. Die Mutter litt besonders unter der Trennung, was dem Meister am Arbeitsplatz auffiel. Selbst kinderlos, boten er und seine Frau der türkischen Familie Hilfe bei der Kinderbetreuung an, woraus eine bis jetzt bestehende Freundschaft erwuchs.

Eine Freundin machte dann die spätere Studentin der Pädagogik, Slawistik und Turkologie und zweifache Mutter auf die Stellenausschreibung der niedersächsischen Polizei aufmerksam: "Der Gedanke der Deeskalation kam damals innerhalb der Polizei immer stärker zum Tragen", erinnert sich Fulya Kurun, die zugibt, dass sie ihre eigenen Vorurteile gegenüber der Polizei erst abbauen musste. "Inzwischen sind wir als Mittlerinnen innerbehördlich sehr gut akzeptiert und konnten nach außen vieles bewirken", meint die junge Frau mit dem dunklen Lockenkopf. Als einen großen Erfolg sieht sie die Neufassung des Gewaltschutzgesetzes auf Bundesebene. Mit dem Netzwerk Hannoversches Interventionsprogamm gegen Männergewalt in der Familie (HAIP) und einem Krisentelefon zum Thema Zwangsheirat in der Region Hannover hat die Deutsche mit türkischen Wurzeln mit beharrlicher Teamarbeit einen guten Teil dazu beigetragen.

Inzwischen liegt ein weiterer Schwerpunkt auf Informationsveranstaltungen und Fortbildung zur interkulturellen Kompetenz für die Polizeikollegen. In der "kollegialen Fallberatung" sieht Fulya Kurun ein wachsendes Tätigkeitsfeld, das noch in den Anfängen steckt: "Je früher wir zu der Fallbearbeitung von den Polizeibeamten hinzugezogen werden, umso besser können wir Hilfe geben und weitere Eskalationen, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt, verhindern", sagt Kurun. Regelmäßig halten die beiden auch Vorträge in der Polizeiakademie. Ein neueres Arbeitsfeld stellt die Nachwuchsgewinnung dar; auch dazu gibt es einen Arbeitskreis. Erklärtes Ziel der niedersächsischen Polizei ist es, mehr Anwärterinnen und Anwärter mit Migrationshintergrund für den Dienst zu gewinnen. Durch Veranstaltungen, die gezielt Migranten ansprechen, ist es bereits gelungen, deren Anteil in der Polizei zu erhöhen.

Birgit Freudenthal
ReformZeit 2 / Juni 2009

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