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"Bücher veralten zu schnell"

Landesamt für Soziales, Jugend und Familie setzt eLearning in Aus- und Fortbildung ein


Reformzeit
Sandra Wieter, Ausbilderin im Landessozialamt

Bisher war eLearning in der niedersächsischen Landesverwaltung vor allem eine Sache von Pilotprojekten, die dem Sammeln von Erfahrungen dienten. In der Fachgruppe Schwerbehindertenrecht im Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie hat man nun ein erstes Lern-Modul entwickelt, das seine Bewährungsprobe bereits bestanden hat.

Zukünftig soll das elektronisch unterstützte Selbstlernen am PC einen festen Platz in der regulären Aus- und Weiterbildung des Landessozialamtes erhalten. Im Intranet steht das Modul bereits allen Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern zur Verfügung – und rangierte schon nach zwei Monaten mit 800 Klicks auf der Liste der Zugriffe weit oben.

Etwa 160.000 Erstanträge auf Feststellung einer Schwerbehinderung aus ganz Niedersachsen werden in der Fachgruppe Schwerbehindertenrecht pro Jahr gestellt. Da lag es nahe, diesen großen Bereich für ein eLearning-Modul auszuwählen. "Das Echo der Nutzer ist vergleichsweise gut", sagt Werner Welp, der bis vor kurzem als Fachgruppenleiter das eLearning betreut hat. "Auch Beschäftigte, die bereits länger im Dienst sind, konnten nach eigener Aussage noch ihr Wissen erweitern." Dass im Lernmodul viel Sach-Inhalt steckt, wurde dagegen vereinzelt kritisiert. Für die Entwickler des eLearning-Bausteins sind die Rückmeldungen, zu denen die Nutzerinnen und Nutzer ausdrücklich aufgefordert werden, immens wichtig für die Umsetzung weiterer Projekte. Denn schließlich steht und fällt der Erfolg von eLearning mit der Akzeptanz der zukünftigen Nutzer. Im Pilotmodul wird Schritt für Schritt erklärt, wie ein Erstantrag nach dem Schwerbehindertenrecht bearbeitet wird. Eine Art Bedienungsanleitung ist dem eigentlichen Modul vorgeschaltet, an verschiedenen Stellen werden dem Nutzer bzw. der Nutzerin technische Hilfestellungen gegeben, so zum Beispiel bei der Bildschirmeinstellung. Der Lernende hat die Möglichkeit, auf eine Video-Aktensimulation zuzugreifen, welche den jeweiligen Schritt veranschaulicht. Zusätzlich kann in allen Kapiteln auf so genannte "vertiefte Informationen" geklickt werden. Besonders wichtige Informationen für den Bearbeitenden sind mit einem Verkehrszeichensymbol für "Gefahr" gekennzeichnet, so zum Beispiel, wenn Fristen gewahrt werden müssen. Das Modul ist verlinkt mit Voris, dem Vorschrifteninformationssystem der Landesregierung. "Somit sind wir in Sachen Gesetze und Erlasse immer tagesaktuell", sagt Sandra Wieter. Die Ausbilderin im Landessozialamt sieht im eLearning eine wichtige Ergänzung zur traditionellen Präsenz-Ausbildung: "Die heutigen Auszubildenden sind ja bereits mit dem Computer vertraut. Da liegt es nahe, dies auch beim Lernen einzusetzen. Außerdem veralten Bücher einfach zu schnell."

Fachliches eigenständig nacharbeiten, sich selbst weitere Informationen erschließen und bewerten sind Lernziele der Ausbildung, die durch das eLearning unterstützt werden. Im Landessozialamt macht man sich mit dem Modul im Intranet auch die klassischen Vorteile des elektronischen Lernens zunutze; unabhängig von Zeitvorgaben und Lernort kann jede und jeder Lernende sein individuelles Tempo entwickeln. Dass auch noch weniger Papier anfällt, ist für Sandra Wieter ein angenehmer Nebeneffekt.

Das Modul ist in der Hauptstelle des Landessozialamtes in Hildesheim und in den sechs Außenstellen verfügbar. Es hilft dadurch, die Ausbildung an allen Standorten des Landessozialamtes weiter zu standardisieren. Weitere Nutzergruppen haben das Modul bereits getestet. So habe die Leiterin des ärztlichen Dienstes ganz spontan festgestellt: "Das brauchen meine neuen Außengutachter auch", erinnert sich Werner Welp. Auch Wiedereinsteiger nach der Familienphase profitieren vom Lernmodul. Bei der Entwicklung holten sich Sandra Wieter und Werner Welp fachliche Unterstützung bei der nordmedia in Hannover, die bereits bei anderen Projekten des Landes mitgeholfen hatte. Um die berüchtigten Systembrüche zu vermeiden, mussten zunächst die Anforderungen an Hard- und Software formuliert werden. Heraus kam eine Lösung, die überwiegend auf schon vorhandenen Office-Anwendungen beruht. Die Lernmodule lassen sich ohne größere EDV-Kenntnisse schnell und einfach erstellen sowie bei Bedarf ändern. Ein Ergebnis, das andere Behörden zur Nachahmung einladen kann. "Wir hatten vom Haus auch noch keine einheitliche Präsentation und mussten das erst komplett neu ausdenken", sagt Sandra Wieter. Eine zeitaufwendige, aber eine interessante Aufgabe, die man nicht alle Tage zu lösen hat, wie die Ausbilderin meint.

Der Aufwand scheint sich jedenfalls gelohnt zu haben: "Kann man auch als Nichtverwaltungsmensch verstehen und nachvollziehen", so eine der positiven Nutzer-Reaktionen. Werner Welp will testen, ob eLearning auch Anklang findet, wenn es vom Landessozialamt zur Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunaler Sozialämter eingesetzt wird. Er hat der Fachhochschule Osnabrück angeboten, sich bei der Entwicklung mit einem Praxisprojekt zu beteiligen.

Birgit Freudenthal
ReformZeit 2 / Juni 2009

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