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"Alle wollen weitermachen"

Das Pilotprojekt "Flexiblere Arbeitszeit durch Telearbeit" läuft jetzt ein Jahr


Seit einem Jahr erprobt die Landesverwaltung Telearbeit. 24 Beschäftigte aus verschiedenen Behörden in ganz Niedersachsen arbeiten überwiegend zu Hause und kommen nur ein- bis zweimal pro Woche in die Dienststelle. Das Pilotprojekt des Innenministeriums, das noch bis zum 29. Februar 2000 dauert, läuft unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Brühl vom Informatikzentrum Niedersachsen. Wissenschaftlich begleitet wird es von Arbeitswissenschaftlern der Universität Hannover. ReformZeit-Mitarbeiterin Birgit Abraham sprach mit Prof. Dr. Peter von Mitschke-Collande und Diplom-Sozialwissenschaftler Detlev Blechner von der Universität Hannover.

ReformZeit: Was versteht man unter Telearbeit?

Prof. Dr. Peter von Mitschke-Collande: Telearbeit ist zwar ein gängiges, aber unpräzises Schlagwort, denn jeder Computerarbeitsplatz könnte damit gemeint sein. Wesentlich ist aber, dass wir bei der Telearbeit eine Kooperationsbeziehung zwischen zwei Standorten haben. Man sollte also besser von Telekooperation sprechen. Früher hat man im Büro mit den Kollegen, mit den Vorgesetzen, mit den Kunden zusammengearbeitet. Ein Standort wird verlegt und es stellt sich die Frage, wie man künftig die Zusammenarbeit organisieren kann. Dafür braucht man unter anderem auch die Technik, aber nicht nur die Technik. Telekooperation heißt nicht, dass man nur noch die technische Lösung sucht, sondern z.B. auch, dass die Teilnehmer sorgfältig planen müssen, wie sie die Tage, die sie im Amt sind, organisieren.

ReformZeit: Welche Vorteile verspricht die Telearbeit?

Collande: Die wichtigsten Ziele sind mit der Verwaltungsreform ganz allgemein gesteckt: mehr Kundenorientierung, mehr Bürgernähe. Die Verwaltung erwartet mehr Wirtschaftlichkeit durch mehr Effizienz beim Personaleinsatz. Mehr Arbeitszufriedenheit und familienfreundlichere Arbeitszeiten erhoffen sich die Beschäftigten.

ReformZeit: Ein Sachbearbeiter im Kultusministerium hat doch sicher ganz andere Aufgaben als die Kollegin im Landesamt für Ökologie. Wie wird man dem gerecht?

Collande: Wir definieren jeden einzelnen Platz als Teilprojekt. Nach dem offiziellen Projektauftakt im März 1998 haben wir erst einmal eine Ist-Analyse gemacht. Wir haben an jedem Arbeitsplatz mit Vorgesetzen und Mitarbeitern die Situation vor Ort durchanalysiert. Es gab einige Aha-Erlebnisse. Viele haben erkannt, wie differenziert und kompliziert der Ablauf ihrer Aufgaben ist.

ReformZeit: Wurden die Teilnehmer speziell qualifiziert?

Detlev Blechner: Ja, wir haben ein Qualifizierungspaket entwickelt, das aus sieben verschiedenen Modulen besteht. Ein wichtiger Block ist die Technik. Die Teilnehmer müssen sie nicht nur anwenden, sondern auch warten und instandhalten. Auch über Datensicherung und Datenschutz müssen sie etwas wissen. Weitere wichtige Module sind Selbst- und Sozialkompetenz. Hier wird erörtert, wie man sich selbst und die Beziehungen mit Kollegen, Vorgesetzten, Kunden und Familie organisiert.

ReformZeit: Werden auch Führungskräfte einbezogen?

Collande: Wir haben keine Führungskräfte an Telearbeitsplätzen, aber wir wissen, dass Führungskräfte eine neue Art des Führens brauchen. Wenn sie ihre Mitarbeiter nicht mehr so oft sehen, müssen sie ihre Aufträge klarer verteilen. Sie können auch keine kurzfristigen Meetings einberufen, sondern sind gezwungen, längerfristiger zu planen. Für viele Vorgesetzte ist dieses Umdenken neu und wird daher mit Seminaren unterstützt.

ReformZeit: Nach einem dreiviertel Jahr haben Sie eine Zwischenbilanz gezogen.

Blechner: Diese Zwischenevaluierung soll Korrekturmöglichkeiten bieten. Wir prüfen, wo es bisher gut gelaufen ist und wo noch etwas fehlt, auch in technischer Hinsicht.

ReformZeit: Haben Sie Ihr Ziel "mehr Bürgernähe" erreicht?

Collande: Die Bürgernähe ist nicht gesunken, sondern sofort gesteigert worden. Dies hat damit zu tun, dass Faxe von Kunden den Sachbearbeiter direkt erreichen, ohne erst in den Postumlauf der Behörde zu gelangen. Jeder Teilnehmer hat außerdem einen Anrufbeantworter, ist also jederzeit für einen Kunden erreichbar. Dies ist in einer normalen Behörde oft nicht der Fall.

ReformZeit: Und die Zufriedenheit der Projektteilnehmer?

Blechner: Alle wollen weitermachen. Frauen und Männer, die zu Hause drei Kinder haben, sagen, dass es anstrengend sei, sich den Freiraum für die Arbeit zu organisieren. Für sie wäre es ganz schwer, wenn nicht unmöglich, im gleichen Umfang "normal" im Büro zu arbeiten. Zu Beginn des Projektes hatten die Teilnehmer einige Bedenken, ob sie die Leistung zu Hause erreichen. Es gab auch Ängste wegen der Termintreue. Jetzt sind diese Dinge kein Thema mehr. Sie funktionieren!

ReformZeit: Wo gibt es noch Defizite?

Blechner: Das Ziel, die Kontakte zu Kollegen zu erhalten, ist nicht erreicht worden. Auch der Wunsch, neues Führungsverhalten zu erleben, ist unerfüllt. Hier bleibt viel zu tun.

Birgit Abraham
ReformZeit Nr. 1/ März 1999

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