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RAM reformiert – Zentralkapitel vermittelt Reformbetroffene auch für Springereinsätze

Befristete Stellen sollen kurzfristige Arbeitsbelastungen auffangen


Durch die Umstrukturierung der Landesverwaltung fallen ganze Aufgabenbereiche weg, wie zum Beispiel bei den Kassen. Die Folge: Immer öfter werden punktuell viele Beschäftigte entbehrlich. Häufig ähnlich qualifiziert, können die Betroffenen meist weder sofort noch gleichzeitig dauerhaft auf freie Stellen vermittelt werden. Ein im März in den Bezirksregierungen eingerichtetes Zentralkapitel vermittelt daher Reformbetroffene auch außerhalb eines anerkannten Bedarfs.

Oft gibt es in Behörden Arbeitsspitzen, für die aber keine Stellen ausgeschrieben werden können. Hier ist es nun möglich, diese Spitzen durch Reformbetroffene flexibel und befristet aufzufangen. Denn selbst wenn es offene Stellen gibt, passen Anforderungsprofil und Personalqualifizierung in der Praxis häufig nicht zusammen. Da man einen großen Bereich in technischen oder wissenschaftlichen Berufen nicht nachqualifizieren kann, macht es Sinn, die Menschen zum Beispiel als langfristige Krankenvertretung oder vorübergehend zum Einsatz gegen Schwarzarbeit einzusetzen.

"Ziel der Suche ist immer ein Dauerarbeitsplatz", betont Karl-Heinz Mönkemeyer von der RAM-Zentralstelle im Niedersächsischen Innenministerium. Optimal ist, wenn die Arbeitssuchenden in derselben Behörde oder wenigstens am gleichen Ort eine neue Beschäftigung finden. Damit das gut klappt, müssen den Bezirksregierungen Personalüberhänge frühzeitig gemeldet werden. Zugleich muss aber für die Vermittlungsarbeit mehr Personal zur Verfügung stehen. Trotzdem: "Reformbetroffene werden künftig mobiler und noch eher dazu bereit sein müssen, neue Aufgaben zu übernehmen", betont Mönkemeyer.

Mit der Einrichtung des Zentralkapitels hat die Bezirksregierung Hannover ihr RAM-Team bereits verstärkt. Seit einem Monat mit dabei sind Harald Gromotka als neuer Leiter und Martin Framme. Sie stammen aus der aufgelösten Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZAST) in Langenhagen, sind also selbst Reformbetroffene und wissen daher aus eigener Erfahrung um die Ängste und Probleme desjenigen, der seinen Job verliert. "Mit pauschalen Zahlen ist uns hier nicht geholfen. Denn wir können erst eine neue Stelle suchen, wenn wir die individuellen Kenntnisse, Fähigkeiten und Wünsche eines Menschen kennen", betont Gromotka. Als zum Beispiel einer Frau für ihre Wunschstelle wichtige Englischkenntnisse fehlten, wurde kurzerhand ein einmonatiger Intensivkurs ermöglicht.

Es sind immer zwei Seiten an einer erfolgreichen Vermittlung beteiligt: Die Beschäftigten müssen Engagement mitbringen, sich neuen Aufgaben stellen oder zur Weiterqualifizierung bereit sein, und die aufnehmenden Dienststellen müssen sich auch auf Kandidaten einlassen, die vielleicht nur zu 85 Prozent ihren Vorstellungen entsprechen. Hier leisten die Mitarbeiter der Bezirksstellen auf beiden Seiten viel Überzeugungsarbeit. Die Belastung für die Beschäftigten ist natürlich enorm, wenn sie von dem Verlust ihres Arbeitsplatzes erfahren. "Meine bisherige Arbeit wird nicht mehr gebraucht, also werde ich nicht mehr gebraucht", schießt es vielen durch den Kopf. Das eigene Wertgefühl leidet, hinzu kommt die Ungewissheit, wo wieder Arbeit zu finden. "Auf viele Personen müssen wir von uns aus zugehen, um dann gemeinsam Perspektiven zu entwickeln. Die Angst verschließt sie", berichtet Harald Gromotka. Das Engagement lohnt sich. Und auch eine 63-jährige Verwaltungsangestellte muss nicht auf dem Abstellgleis landen. Für diese Dame aus der ZAST wurde eine befristete Stelle als Schwangerschaftsvertretung gefunden. Läuft die Vertretung aus, beginnt der wohlverdiente Ruhestand. In der Theorie hört sich die Idee eines internen Arbeitsmarktes gut an, aber in der Praxis hat er allzu oft ein schlechtes Image. Das hat verschiedene Gründe. Jede abgebende Dienststelle muss zunächst intern nach neuen Stellen suchen. Da das nicht für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelingen kann, wird ein Teil der Bezirksstelle RAM gemeldet. "Dabei entsteht häufig der Eindruck, es handele sich um eine Negativauswahl, dabei muss der Reformarbeitsmarkt als Chance begriffen werden", betont Klaus Weichold vom Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung (NLBV). Auch dort müssen im Rahmen der Umstrukturierung insgesamt über 400 Stellen eingespart werden. Ein wenig ist man dem Ziel bereits näher gekommen. Allerdings hat das NLBV bisher fast alle Beschäftigten selbst vermittelt und nur wenige dem RAM gemeldet. Zu sehr schreckt man dort noch vor dem Negativimage zurück. Weichold sieht auch für die Beschäftigten einen Grund, den RAM zu meiden: "Bewirbt man sich über den RAM auf eine bestimmte Alternativstelle und bekommt diese dann nicht, gilt man als Arbeitssuchender."

Als aufnehmende Behörde hat man andere Probleme: Interne Aufstiegsmöglichkeiten werden beschränkt, weil nicht der Nachfolgekandidat die erhoffte Position bekommt, sondern der von außen zugewiesene. Gleiches gilt für die Neubesetzung durch einen externen Wunschkandidaten. Diese ist erst möglich, wenn kein qualifizierter Reformbetroffener gefunden und die Stelle durch das MI freigegeben wurde. Auch lang eingearbeitete Kräfte mit befristeten Veträgen können nicht weiterbeschäftigt werden, da geeignete RAM-Betroffene immer Vorrang genießen. Die zu finden und dann einzuarbeiten dauert und beschert den Kollegen zusätzliche Arbeit.

All das macht Reformbetroffene nicht unbedingt willkommen. Die Behördenleitungen müssen auf allen Ebenen deutlich machen, dass alle Beschäftigten an der Landesaufgabe Staatsmodernisierung mitarbeiten müssen, wenn sie die soziale Sicherheit des öffentlichen Arbeitgebers wie bisher genießen wollen. Zudem kann jeder von der Umstrukturierung betroffen sein.

Damit künftig die Vermittlung schneller klappt und sich keiner übervorteilt fühlt, wünscht sich Karl-Heinz Mönkemeyer von der Zentralstelle vor allem ein Personalentwicklungskonzept, an dem abgebende und aufnehmende Behörden, Vertreter des RAM, der Personalstellen, Personalvertreter, Frauenbeauftragte und Schwerbehindertenvertreter beteiligt sind und gemeinsam überlegen, wen sie abgeben müssen, wen sie aufnehmen können, wann und was qualifiziert werden muss und wann es am sinnvollsten ist, die Beschäftigten aus einer sich auflösenden Dienststelle herauszunehmen, damit nicht alle gleichzeitig "das sinkende Schiff" verlassen. Diesem Wunsch schließen sich die Vertreter der abgebenden und aufnehmenden Behörden von ganzem Herzen an.

Heinke Liere
ReformZeit Nr. 2/ Juli 1999

Archiv der Reformzeit
Zentralkapitel - Rettungsanker oder Sackgasse?

Beispiele aus der Arbeitsvermittlung

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