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"Mein Leben ist klar"

Alkoholabhängige brauchen Hilfe, um aus dem Sog der Sucht herauszufinden


"Ich habe nur noch geweint und getrunken, getrunken und geweint." Dorothea Krüger hat sich entspannt in ihren Sessel gekuschelt, die Beine angezogen, und nippt am Tee. Wenn die schlanke Fünfzigerin mit dem perlenden, unbekümmerten Lachen von früher spricht, wird ihr Gesicht ernst. Die Grund- und Hauptschullehrerin hat nichts vergessen aus ihrem Leben mit dem allgegenwärtigen Alkohol: "Eine Hölle."

Gut zwölf Jahre ist das her. Seitdem lebt Dorothea Krüger abstinent: Statt Wein gibt‘s Apfelschorle, statt Sekt bekommen ihre Gäste Mohrenköpfe. Es klappt. Kein Rückfall trotz der zeitintensiven Aufgabe als Suchtberaterin im Regierungsbezirk Braunschweig, für die sie zum Teil vom Schuldienst freigestellt ist. Stress? In der Therapie habe sie gelernt, Spannungen und Belastungen zu spüren und zuzulassen – ohne Suchtmittel. "Ich bin klar, mein Leben ist klar", sagt sie mehrmals im Laufe des Gesprächs.

Früher habe sie Belastungen und Stress nicht so bewusst wahrgenommen und vor allem keine Suchtgefährdung darin gesehen, sagt Dorothea Krüger. "Ich wurde nur unruhig, nervös." Immer, wenn das passierte, war der Alkohol da, bereit, zu trösten, zuverlässig die Illusion von innerer Stärke zu vermitteln. "Wenn sie trinken, fühlen sie sich nicht nur entspannt und gelöst, sie haben auch das Gefühl, noch viel mehr machen zu können als bisher." Ein Irrtum, denn über die Gewöhnung an den scheinbaren Treibstoff kommt am Ende der Zwang zum Trinken. Alkohol macht psychisch und körperlich abhängig.

Was in der Hölle der Abhängigkeit endete, hatte harmlos, fast beiläufig begonnen. Mitte der 70er Jahre beginnt die Verwaltungsangestellte in Hannover zu studieren. "Damals wurde in Studentenkreisen sehr viel getrunken", erinnert sich Dorothea Krüger. Die Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte ist mittendrin in der Szene, engagiert sich in der Fachschaft. Abends in geselliger Runde trinkt sie gern ein Glas trockenen Weißweins. "Ich hatte gar nicht den Wunsch, mich zu berauschen", sagt sie. Der Genuss, der Spaß und die Entspannung mit den Freunden seien ihr wichtig gewesen. Dass "Freund Alkohol" einem zuerst seine angenehme, seine "Freud-Seite" zeige, mache es einem leicht, weiter und immer mehr zu trinken. "Irgendwann merkte ich, dass es mir mit Alkohol einfach gut geht – besser als ohne", sagt Dorothea Krüger und nippt wieder an ihrem Tee. Damals durchlebte sie ihre Gewöhnungsphase.

Gleitend und schleichend sei sie immer weiter in die Abhängigkeit gerutscht. "Ich wusste nicht, was mit mir passiert." Sie unterrichtet volle Stundenzahl und macht ihren Job gut, man vertraut ihr schwierige Klassen an. "Man hatte so ein Bild von mir: die Krüger macht das schon, die kriegt das hin", erzählt sie und ihre Augen funkeln. "Wissen Sie, ich habe immer sehr gern mit meinen Schülern gearbeitet." Die Lehrerin nennt sich selber "Wuselmensch", jemand, der immer etwas machen, bewegen muss.

Doch die Kluft zwischen dem Bild der aktiven Lehrerin am Arbeitsplatz und dem trinkenden Häufchen Elend zu Hause wird immer größer. Zwar schafft sie es, in der Schule keinen Tropfen anzurühren. "Wenn ich nach Hause gekommen bin, habe ich gern Wein zur Entspannung getrunken, meist auch am Schreibtisch, bis tief in die Nacht." Morgens steht sie mit Restalkohol im Blut vor ihren Klassen. Die Kollegen sagen nichts. Dass sie merken, was los ist, sieht Dorothea Krüger an ihren Gesichtern. Sie kapselt sich immer mehr ab, die Ehe scheitert. Längst zeigt der Alkohol seine hässliche Fratze. "Alkohol steuert sie fremd, manipuliert sie." Dorothea Krüger muss trinken, immer weiter trinken, denn nun ist sie abhängig, krank. Bis eines Tages die Schulsekretärin vor ihrer Tür steht. "Ich gehe nicht eher weg, bis ich mit Ihnen gesprochen habe", sagt die Kollegin, mit der die Lehrerin eine "vertrauensvolle Arbeitsbeziehung" verbindet. Instinktiv macht die Sekretärin alles richtig, schildert, wie ihr Dorothea Krüger vorkommt: "krank, ohne die rechte Motivation an der Arbeit", fragt: "Was ist los mit Ihnen?"

Die alkoholabhängige Frau lässt sich ein auf das Gespräch, nimmt den Vorschlag, eine Therapie zu machen, an. "Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ist jeder Schluck ein Hilferuf", sagt sie. Dorothea Krüger entscheidet sich gegen den Alkohol und für das Leben. Als Suchtkrankenheferin für Beschäftigte im Schuldienst hat sie ein klares Ziel: "Wir müssen aufhören, die Betroffenen emotional auszugrenzen. Das Suchtmittel, der Alkohol, muss stigmatisiert werden."

Birgit Freudenthal
ReformZeit Nr. 2/ Juli 1999

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