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MIT der Behinderung leben – nicht FÜR sie

Als Hans Soltau an jenem Tag aufwacht, merkt er, dass etwas anders ist als sonst. Er findet sich nicht in seinem gemütlichen Bett im neu gebauten eigenen Haus. "Ich war festgeschnallt, in meinen Venen steckte ein Infusionstropf." Nach und nach beginnt er zu begreifen, an was er sich bis heute nicht erinnert: dass er einen Unfall hatte, bei dem seine Beifahrerin ums Leben kam und er schwer verletzt überlebte. "Ich hatte eine Schädelverletzung, der Rücken war kaputt und mir stand ein Leben im Rollstuhl bevor. Da wollte ich eigentlich lieber Schluss machen", sagt Hans Soltau. 18 Jahre ist das jetzt her, Hans war 29 Jahre alt.

Er entscheidet sich für das Leben. Es folgt die Rehabilitation; Familie, Freunde stehen ihm bei. Seine größte Sorge ist die berufliche Zukunft. "Mein erstes Krankengeld betrug 1.500 Mark", erinnert er sich. "Meine monatliche Belastung belief sich auf 1.970 Mark." Der gelernte Koch bekam die Chance, eine verwaltungsinterne Ausbildung zu machen und ging 1985 zum Straßenverkehrsamt nach Verden, wo er bis heute als Sachbearbeiter tätig ist. "Ich hatte Glück", sagt er rückblickend.

Heute muss man schon zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass Hans Soltau gehbehindert ist. Seine Füße stecken in Spezialschuhen. Immerhin kann er wieder laufen, wenngleich nur kurze Strecken und möglichst keine Treppen. Für den schmerzenden Rücken braucht er einen besonderen Stuhl, und alle nötigen Akten müssen für den Sachbearbeiter in seinem Zimmer erreichbar sein. "Ich kann nicht mal eben wie meine Kollegen in den Keller sprinten." Doch mehr braucht es nicht, um seinen Arbeitsplatz behindertengerecht auszustatten.

Hans Soltau lebt mit seiner Behinderung, nicht für sie, wie er sagt. Am Arbeitsplatz, im kollegialen Umfeld, mit den Vorgesetzten finde ein ständiger Lernprozess statt – "von beiden Seiten". Alles in allem sieht der Schwerbehinderte in der Verwaltung nach wie vor einen sozialen Arbeitgeber. Aber das Klima werde zunehmend rauer, sagt Hans Soltau: "Früher hieß es, den Schwerbehinderten schleppen wir mit durch. Durch die Reforminstrumente wächst der Druck am Arbeitsplatz für jeden Beschäftigten. Ich weiß nicht, ob ich heutzutage auch noch die Chance haben würde, in der Verwaltung einen neuen Job zu finden."
Birgit Freudenthal

ReformZeit Nr.1/ Januar 2000

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