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Mieses Betriebsklima macht krank!

Mitarbeiterbefragung in der Landessozialverwaltung bringt überraschende Ergebnisse


Was macht Beschäftigte krank? Ein schlechtes Betriebsklima, Probleme mit den Vorgesetzten oder eine schlechte Arbeitsplatzausstattung? Und welche arbeitsplatzbedingten Krankheiten treten am häufigsten auf? Fragen, die eine zielgerichtete Organisations- und Personalentwicklung (OE/PE) auch stellen muss. Ein neues Projekt im Nds. Landesamt für Zentrale Soziale Aufgaben (NLZSA) sucht zusammen mit der AOK für diese Behörde und die nachgeordneten Versorgungsämter Antworten.

"Wir wollen herausfinden, was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter krank macht", sagt Holger Sendatzki, Leiter für das Projekt "Gesundheitsförderung und Anwesenheitsverbesserung", das in der Landessozialverwaltung läuft. Das auf Vorschlag des Lenkungsausschusses OEPE (Organisations- und Personalentwicklung) ins Leben gerufene Projekt hat zwei Hauptziele. Einerseits soll die Anwesenheit der Beschäftigten gesteigert werden. Und andererseits soll ein umfassendes Konzept erarbeitet werden, dass die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Landessozialverwaltung dauerhaft fördert. "Nur so können wir den Krankenstand langfristig und auf breiter Front senken", sagt Holger Sendatzki. "Im Zuge der Verwaltungsmodernisierung fällt es jetzt auf, dass sich der Dienstherr in der Vergangenheit wenig um dieses Thema gekümmert hat." Erst seit 1998 werden in der Landessozialverwaltung die Krankenstände statistisch erfasst. Der Unterschied zwischen den Dienststellen ist so krass, dass sich eine Mitarbeiterbefragung geradezu aufdrängte. Während das Versorgungsamt Verden mit 8,08 Fehltagen pro Jahr weit unter Durchschnitt lag, hatte die Außenstelle Hildesheim mit 16,28 Fehltagen 1998 doppelt so viele krankheitsbedingte Ausfälle zu beklagen.

Für die Mitarbeiterbefragung wurde ein kompetenter Partner gefunden: die Allgemeine Ortskrankenkasse Niedersachsen (AOK). Der dortige Unternehmensbereich für betriebliche Gesundheitsförderung verfügt bereits über einen standardisierten Fragebogen. "Der große Vorteil für uns", sagt Holger Sendatzki, "ist, dass wir mit Hilfe der AOK schneller zu fundierten Ergebnissen kommen und diese besser einordnen können."

Insgesamt wurden Fragebögen an 456 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Standorten Verden, Braunschweig und Hildesheim verteilt. 202 Beschäftigte füllten den Fragebogen aus, was einer guten Rücklaufquote von 44 Prozent entspricht.

Der zweiteilige Fragebogen umfasste zwölf Fragekomplexe mit über 100 Fragen. Die Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen und zu den Vorgesetzten, Fragen der Arbeitsorganisation und der Information sowie der Mitsprache in der Dienststelle bildeten den ersten Teil zum Abschnitt "Betriebsklima". Im zweiten Teil wurde nach konkreten körperlichen Beschwerden gefragt, die sich in fünf Symptomkomplexe gliedern lassen: Allgemeinbefinden, Herz-Kreislaufprobleme, Magen-Darm-Beschwerden, Anspannung und Schmerzen.

Und siehe da: Die ursprüngliche Hypothese, ein hoher Krankenstand sei im allgemeinen auf eine schlechte Beziehung zu Vorgesetzten zurückzuführen, hat sich nicht bestätigt. In Verden, dem Amt mit der besten Anwesenheitsquote unter den Beschäftigten, traf die Befragung auf schwächere Resonanz. Trotz des guten Gesundheitsstands kristallisierten sich erhebliche Probleme zwischen Beschäftigten und Vorgesetzten heraus. "Das Betriebsklima in Verden muss sich im Laufe des Jahres 1999 erheblich verschlechtert haben, denn sonst wären derartig positive Werte bei der Fehlzeitenstatistik eher unwahrscheinlich", analysiert Dr. Volker Kirschbaum von der AOK. "Ein Grund könnte im langwierigen Prozess der Einführung der Gruppenarbeit liegen."

Beim Krankenstand-Spitzenreiter Hildesheim scheint dagegen die Vorgesetztenbeziehung nicht das Hauptproblem zu sein. In der Außenstelle fühlten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ungenügend betreut und vom Informationsfluss abgeschnitten. Hinzu kommt ein sehr schlechtes Betriebsklima, das anscheinend auf problematische Beziehungen der Mitarbeiter untereinander zurückzuführen ist.

Bei den Krankheitsfaktoren fällt auf, dass vor allem die Bereiche "Schmerzen" und "Anspannung" deutlich über den Werten der AOK-Vergleichsgruppe liegen. Damit einher gingen zum Teil die Zunahme von Herz-Kreislauf-Problemen und Angstsymptomen. Dr. Volker Kirschbaum, der Experte der AOK, hält das Konzept des NLZSA für überzeugend: "Mir gefällt der positive Ansatz und dass ein langfristiges Konzept entwickelt wird. Die Beschäftigten werden dauerhaft motiviert, ihre Gesundheitsförderung wird ernst genommen." Auf die in der Industrie gängigen Rückkehr-Gespräche wurde verzichtet. Dabei müssen sich Beschäftigte, die nach einer Krankheit an den Arbeitsplatz zurückkehren, in einem Gespräch mit den Vorgesetzten praktisch ihr Fernbleiben rechtfertigen. Dies, so Dr. Kirschbaum weiter, führe zwar zu sinkenden Krankheitsständen, sei aber in der Regel nicht von Dauer. Langfristig stiegen die Fehlzeiten wieder an, zudem könne man so das Vertrauen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verspielen. Auch Holger Sendatzki ist dieser Meinung. "Die Beschäftigten registrieren sehr genau, ob ein Amtsleiter sie wirklich fördert oder nicht." Fazit: Ohne die Amtsleiter ist keine erfolgreiche Gesundheitspolitik möglich.

Was folgt nun aus den Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung? Zunächst werden in den Versorgungsämtern Verden, Hildesheim und Braunschweig Gesundheitszirkel angeboten. Die Auftaktveranstaltungen werden als ganztätige Workshops für alle Beschäftigten auf freiwilliger Basis abgehalten. In den zur Arbeitszeit zählenden Zirkeln soll gezielt daran gearbeitet werden, die krankmachenden Faktoren auf Abteilungsebene auszuschalten. Aufgrund der hohen Werte in den Bereichen "Schmerzen" und "Anspannung" werden zudem Rückenschulen als Sofortmaßnahmen angeboten. Hierzu führen Bewegungstrainer der AOK vor Ort arbeitsplatzbezogene Bewegungsanalysen unter Anwendung von Video-Aufzeichnungen durch und erstellen dann zusammen mit einer kompetenten Mitarbeiterin aus dem Versorgungsamt Braunschweig einen "Trainingsplan" mit empfohlenen Bewegungen. Dieser Plan wird dann eigenständig umgesetzt. Der Vorteil: So werden Kosten gesenkt, denn ein Problem des gesamten Projektes ist bislang das fehlende eigene Budget. Das könnte sich bald ändern, denn das Projekt "Gesundheitsförderung und Anwesenheitsverbesserung" hat bereits den Antrag gestellt, als Modellbehörde in das viel umfassendere Projekt Gesundheitsmanagement unter der Federführung des Innenministeriums aufgenommen zu werden.

Die anderen Ämter der Landessozialverwaltung, die bislang noch nicht in den Genuss des Projektprogramms kamen, werden im nächsten Jahr eingebunden. "Die neuen Zahlen der Krankenstände für 1999 bestätigen unsere Ergebnisse", sagt Holger Sendatski. So sind in Verden die Fehltage überdurchschnittlich stark gestiegen und in Hildesheim haben sich die Probleme noch mehr verschärft. "20 Fehltage sind nicht mehr akzeptabel. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker fördern."
Oliver Lepold

ReformZeit Nr. 2/ April 2000

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Gesundheitsförderung als Beitrag für humane Arbeitsplätze

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