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"Wen’s interessiert, der weiß es auch"

Offenheit kann Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz gegen Diskriminierung helfen


"Zu Anfang bin ich damit nicht offen umgegangen, aber seitdem ich es tue, geht es mir besser", sagt Reinhard Lüschow. Der Grundsatzsachbearbeiter im Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung lebt offen schwul – auch an seinem Arbeitsplatz. "Ich sage es jedem Kollegen, mit dem ich zusammen arbeite. Und wen’s interessiert, der weiß es auch."

Reinhard Lüschow ist die Ausnahme. Laut einer breit angelegten Studie zur Situation von Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz aus dem Jahr 1995 erscheint das bewusste Veröffentlichen der eigenen Homosexualität lediglich 12 Prozent der Befragten für möglich. Zwei Drittel der Befragten können an ihrem Arbeitsplatz nur mit wenigen oder gar keinen Kollegen und Kolleginnen über ihre Homosexualität reden.

Viel häufiger ist die Maskierung oder das Verschweigen der gleichgeschlechtlichen Orientierung. 79 Prozent der befragten Frauen und 69 Prozent der befragten Männer haben es im Laufe ihrer beruflichen Biographie schon einmal als notwendig empfunden, ihre Homosexualität an ihrem Arbeitsplatz gänzlich zu verschweigen. Dabei schützt die Geheimhaltung oder das "im Ungewissen lassen" nicht vor Getuschel der Kollegen oder Diskriminierung, auch das ergab die Studie. "Wenn ich jahrelang nichts von meinem Privatleben erzähle, bzw. nichts von dem, was mich als Person so ausmacht, dann werden sich die anderen erst recht fragen, was mit mir los ist", sagt Hans Hengelein. Der Schwulenreferent im Sozialministerium weiß von tragischen Fällen. "20 Jahre im Amt und nichts erzählt – plötzlich kommt’s doch heraus, da können sich Kolleginnen und Kollegen getäuscht fühlen." Mobbing ist eine mögliche Folge. Die weit verbreitete Meinung, "was ich im Schlafzimmer mache, geht keinen was an", lässt Hans Hengelein so nicht gelten: "Schwules oder lesbisches Leben lässt sich nicht auf Sexualität reduzieren." Bereits an harmlosen Alltagsgesprächen über Kinder oder den letzten gemeinsamen Urlaub mit dem Partner oder der Ehefrau können sich Schwule und Lesben am Arbeitsplatz nur unter großer Vorsicht beteiligen – wenn sie sich nicht outen wollen. Da wird man schnell zum Sonderling oder zur schrulligen Jungfer.

Nach Hengeleins vorsichtiger Schätzung sind von den 8 Millionen Einwohnern Niedersachsens ca. 300.000 homosexuell. Das entspricht einer Quote von vier Prozent. Übertragen auf eine Behörde mit zum Beispiel 300 Beschäftigten ergibt dies theoretisch bis zu 20 schwule und lesbische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Laut Änderung des Niedersächsischen Beamtengesetzes, bzw. des Niedersächsischen Personalvertretungsgesetzes von 1997 dürfen Menschen wegen ihrer "sexuellen Identität" keine Nachteile erleiden. Seit 1995 gibt es landesweit vier "Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen" im Polizeidienst; der Schwulenreferent Hans Hengelein versieht sein Amt bereits seit 1992. Trotzdem gilt die Binsenweisheit, dass sich in den Köpfen etwas ändern muss, wenn sich die Situation von Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz – auch im öffentlichen Dienst – normalisieren soll.

Hans Hengelein plädiert dafür, "Lebensentwürfe offener zu leben". Auch Verwaltungsreform werde da spannend, wo andere Lebensentwürfe als Bereicherung empfunden werden. Und Reinhard Lüschow rät jedem, mit sich selbst immer wieder zu verhandeln, wie viel Offenheit am Arbeitsplatz möglich erscheint. Er blickt auf 20 Jahre "immerwährendes Coming-Out" zurück: "Es war ein harter Weg. Während der Trennung von meiner Frau war ich ganz unten; Alkohol- und Tablettenprobleme, psychosomatische Beschwerden. Es konnte nur noch besser werden. Bereut habe ich den Schritt nicht."
Birgit Freudenthal

ReformZeit Nr. 3/ Juli 2000

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