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Europakompetenz fördern

Auslandspraktika künftig Voraussetzung für Führungspositionen in der Landesverwaltung


Das Kabinett hat schon vor einigen Monaten beschlossen, dass herausgehobene Führungspositionen in der Landesverwaltung nur noch an Bewerber mit nachgewiesener internationaler Erfahrung vergeben werden. ReformZeit-Mitarbeiterin Birgit Abraham sprach mit dem Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Wolfgang Senff.

ReformZeit: Warum ist es so wichtig, dass niedersächsische Landesbedienstete internationale Erfahrungen haben?

Wolfgang Senff: Mit einem großen Teil aller Verordnungen und Gesetze in Deutschland setzen wir inzwischen EU-Recht um. Schauen Sie sich nur einmal die Tagesordnung der letzten Bundesratssitzungen an. Da geht es beispielsweise um einen Gesetzentwurf zur Änderung der Europäischen Sozialcharta oder den Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen oder die Gesetze zur Einführung des Euro oder den Vorschlag über ein Aktionsprogramm der EU im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Und es wird immer mehr, denn für einen funktionierenden Binnenmarkt brauchen wir einheitliche Regeln. Über all das können wir als Land mitentscheiden und dazu brauchen wir europaerfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Außerdem gibt es in der europäischen Strukturpolitik beachtliche Fördermittel. Deswegen die "Qualifizierungsoffensive für Europa in der Landesverwaltung".

Ich möchte aber noch früher ansetzen, nicht erst, wenn die EU-Richtlinien zur Umsetzung in nationales Recht anstehen: Ich wünsche mir, dass wir noch stärker als bisher versuchen, unsere Position als Land in den Meinungsbildungsprozess der Kommission einzubringen, also dort, wo die Richtlinienentwürfe entstehen. Dazu muss jedes Ressort wissen, wie dieser Prozess funktioniert. Wir müssen wissen, was gerade läuft, wie wir frühzeitig von Gesetzgebungsvorhaben erfahren und wie wir uns einbringen können. Um das zu erreichen setzen wir auf zweierlei: Zum einen wollen wir die Landesvertretung in Brüssel ausbauen. Neben kurzfristigen Praktika und Projektaufenthalten in Brüssel soll möglichst jedes Ressort für drei bis fünf Jahre eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter in die Landesvertretung abordnen, um dort die Interessen des jeweiligen Geschäftsbereichs wahrzunehmen. Voraussetzung ist allerdings ein größeres Haus in Brüssel. Wir suchen derzeit intensiv nach neuen Räumen.

Zum anderen werden wir bei Einstellungen im höheren und gehobenen Dienst auf Fremdsprachen- und europarechtliche Kenntnisse achten und internationale Erfahrungen durch Auslandsstudien oder -praktika berücksichtigen. Die Europakompetenz der bereits im Dienst befindlichen Beschäftigten wird durch Fortbildungen erhöht. Bewerberinnen und Bewerber für Führungspositionen ab A 16 müssen in Zukunft Europaqualifikationen nachweisen.

ReformZeit: Was heißt das konkret für die Besetzung von Führungspositionen? Muss jetzt jede und jeder ein Auslandspraktikum vorweisen?

Senff: Im Prinzip ja. Für eine Übergangszeit reicht allerdings die Teilnahme an einem europarechtlichen Seminar.

Ab 2003 setzen wir praktische Erfahrung im europäischen oder außereuropäischen Ausland von mindestens zwei Wochen voraus, ab 2005 praktische Auslandserfahrung von mindestens drei Monaten. Wer also beim Land Niedersachsen eine Führungsposition anstrebt, hat genügend Zeit, sich darauf einzustellen. Damit auch Frauen und Männer mit familiären Verpflichtungen zum Zuge kommen, werden wir bei Auslandseinsätzen Unterstützung anbieten, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung.

ReformZeit: Welchen persönlichen Nutzen kann ein Landesbediensteter oder eine Landesbedienstete aus einem längeren Aufenthalt in Brüssel ziehen?

Senff: Erweiterte Sprachkompetenz, Einblick in andere Kulturen, Durchblick hinsichtlich europäischer Themen, interessante internationale Kontakte, Leben am Puls Europas.

ReformZeit: Wird die Qualifizierungsoffensive auch auf Nicht-Führungspositionen ausgeweitet?

Senff: Natürlich wollen wir die Europakompetenz aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern. Dies ist ein gesonderter Punkt im Kabinettsbeschluss. Bereits heute haben wir eine breite Palette von fremdsprachlichen, allgemeinen sowie fachspezifischen europapolitischen Fortbildungen. So bieten zahlreiche Ressorts Sprachkurse an, die auch sehr nachgefragt sind.

ReformZeit: Wie kann man sicherstellen, dass Führungskräfte, die eine Zeit lang auf europäischer Ebene tätig waren, bei ihrer Rückkehr einen adäquaten Arbeitsplatz erhalten, um die erworbenen Kenntnisse auch umzusetzen?

Senff: Das betrifft insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die einige Jahre in der Landesvertretung in Brüssel eingesetzt waren. Um deren Kompetenz nach ihrer Rückkehr entsprechend einzusetzen, muss jedes einzelne Ressort seine Personalentwicklung darauf ausrichten. Im Kabinettsbeschluss heißt es, dass die Möglichkeiten der Wiederverwendung in dem jeweiligen Ressort zwischen Bediensteten und der Dienststelle schriftlich festzuhalten sind.

ReformZeit: Wie kann man dafür sorgen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereits eine solche Qualifizierung durchlaufen haben, auch bei der Landesverwaltung bleiben und nicht – wie vielfach geschehen – in die Privatwirtschaft oder in andere Verwaltungen abwandern?

Senff: Ich gehe davon aus, dass wir mit der oben beschriebenen gezielten Planung nach Rückkehr attraktive Arbeitsplätze anbieten können. Zu überlegen wäre eine ergänzende Vereinbarung, die sicherstellt, dass die erworbenen Kompetenzen nach Rückkehr für einen bestimmten Zeitraum dem Land zur Verfügung stehen. Vorausgesetzt natürlich, das Land kann eine entsprechende Verwendung gewährleisten.

ReformZeit Nr. 5/ Dezember 2000

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