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Wie das Web die Verwaltung verändert

Kongress Neue Verwaltung in Leipzig mit Besucherrekord


Kongress Neue Verwaltung
Auf dem Kongress "Neue Verwaltung" stellte das diesjährige Partnerland Niedersachsen Projekte wie "White-IT" vor, ein Bündnis gegen Kinderpornografie im Internet. Mit dabei: der IT-Bevollmächtigte des Landes, Dr. Christoph Lahmann

„Verwaltung ist Wissen” – unter diesem Motto trafen sich Mitte Mai Verwaltungsfachleute, Experten und Interessierte aus Wirtschaft und Fachmedien auf dem Kongress „Neue Verwaltung” in Leipzig. Mit über eintausend Besuchern konnte die dbb-Akademie des Beamtenbundes, die die bundesweit viel beachtete Veranstaltung zum elften Mal ausrichtete, einen neuen Rekord verzeichnen. Partnerland in diesem Jahr war Niedersachen, das einige wegweisende Landesprojekte auf den Fachforen und in den Vorträgen vorstellte.

Die Verwaltung ist herausgefordert, ein modernes Wissens- und Kompetenzmanagement aufzubauen. Und seit Jahren antwortet man auf diese Herausforderung nicht nur mit der Entwicklung und dem Ausbau von Technik, sondern auch mit Bürger- und Unternehmensportalen oder Projekten wie der einheitlichen Behördenrufnummer D115.

Wissen ist Macht, aber erst vernetztes Wissen, das mit anderen geteilt wird, ist wirklich machtvoll – dies trifft ganz besonders auf eine Initiative des Niedersächsischen Innenministers zu, die seit Gründung im vergangenen Jahr für einiges Aufsehen gesorgt hat. „White IT” heißt das Bündnis gegen Kinderpornographie im Internet, das mit einem ganzheitlichen Ansatz versucht, einem bedrückenden Problem zu begegnen.

„Unser Ziel war es, bereits vorhandene Vernetzungen und Strukturen zu nutzen und zu verbinden”, sagt Thorsten Nowak, Projektleiter im Innenministerium. So sei die Internetbeschwerdestelle des eco e.V., bei der man verdächtige oder kriminelle Seiten melden könne, bei den meisten Nutzern so gut wie unbekannt, das Meldeprozedere bisher viel zu umständlich und bürokratisch. „Bekommt die Beschwerdestelle Kenntnis von einer Seite, so wird der Provider umgehend aufgefordert, den betreffenden Inhalt zu löschen – das ist viel wirksamer, als sie zu sperren”, sagt Nowak. „Sperren können technisch zu leicht umgangen werden.”

Dem Bündnis aus über 25 Partnern, darunter die bekannten IT-Hersteller, gelang es, die Seite www.jetzt-loeschen.de einzurichten, von der jeder Internetnutzer sich einen Button herunterladen kann, der ihn auf kürzestem Weg direkt mit der Internetbeschwerdestelle verbindet. „Komme ich auf eine verdächtige Seite, brauche ich nur den Button zu betätigen; einfacher geht es nicht”, meint Nowak. Seit Freischaltung der Seite im März dieses Jahres wurden bereits 150.000 Buttons installiert. Mit dem Erfolg könnte man von Seiten der Verwaltung zufrieden sein, aber der ganzheitliche Ansatz geht deutlich weiter. Denn zu den Partnern des White IT-Bündnisses gehören neben der Polizei auch Kinderärzte, der Kinderschutzbund ebenso wie das Kriminalwissenschaftliche Institut der Leibniz Universität Hannover, das in einer Studie das Phänomen der Kinderpornographie im Internet analysiert.

Um die Kinder und Jugendlichen direkt zu erreichen, nutzt man soziale Internet-Netzwerke wie Schüler-VZ. „Hier haben wir Schüler-Tutoren, die ihr Wissen an die anderen weitergeben”, sagt Thorsten Nowak. Kein Wunder, dass auf dem Kongress „Neue Verwaltung” Besucher ganz gezielt den Projektstand auf der begleitenden Ausstellung aufsuchten, um sich zu informieren. Der Zulauf überraschte selbst Projektleiter Nowak: „Es zeigt eben auch, dass so ein Bündnis etwas Besonderes ist”, meint er. Dabei stehen allen Bündnispartnern grundsätzlich alle definierten Themenfelder, die es zu bearbeiten gilt, offen, was zu einer zumindest für die Verwaltung ungewohnten Arbeitsweise führt. Denn das Wissen der Verwaltung ist zwar breit gefächert, aber eben doch meist in den Handakten und den Köpfen der Beschäftigten gespeichert.

Doch dass sich hieran zukünftig etwas ändern könnte, diese Überzeugung scheint sich erst allmählich durchzusetzen, wie Dr. Christoph Lahmann, IT-Bevollmächtigter der Niedersächsischen Landesregierung, in seinem Vortrag am ersten Kongresstag ausführte. So bedeute Wissensmanagement in der Verwaltung heutzutage, sich vornehmlich an den etablierten Organisationsstrukturen und „letztlich der angestammten Verwaltungskultur” zu bewegen. Dabei ist das Land Niedersachsen mit einigen Projekten zum Wissensmanagement rund um die Verwaltung sehr erfolgreich: Der Bürger- und Unternehmensservice Niedersachsen, kurz BUS, wurde als Wissensplattform zu Verwaltungsleistungen eingerichtet. Eine dezentrale Autorencommunity und ein zentraler redaktioneller Dienst schreiben den BUS ständig fort. Sowohl dieser Dienst als auch der Betrieb des BUS werden den Kommunen vom Land kostenlos zur Verfügung gestellt. „Das System hat eine ausgezeichnete Akzeptanz gewonnen”, so Lahmann.

Das interne Dokumentenmanagementsystem der Landesverwaltung soll es zukünftig erlauben, die komplette Vorgangsbearbeitung und Aktenführung im Land mit einer einheitlichen Anwendung abzuwickeln; neue Fachverfahren sollen nur noch durch Anpassung der entsprechenden „workflow-Module” erstellt werden. Zehn Pilotbehörden mit mehreren hundert Benutzern arbeiten bereits mit der eAkte.

Die Visionen des web 2.0 gehen jedoch viel weiter. Vorstellbar sei, so Dr. Christoph Lahmann, dass die Verwaltung „Teilhaber an Informationen und Prozessen wird, die von völlig anderen, populären Portalen oder Plattformen heraus iniitiert werden”. In Städten und Kommunen sind einige neue Möglichkeiten des Web bereits angekommen, wie das Beispiel Lüneburgs zeigt. Der Landkreis und die Hansestadt Lüneburg „vertwittern” Pressemitteilungen, Radarkontrollen, Veranstaltungshinweise oder, wie im letzten Winter, aktuelle Unterrichtsausfälle und erreichen so eine andere Klientel als mit den herkömmlichen Kanälen.

Birgit Freudenthal
ReformZeit 2 / Juni 2010

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