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„Die Technik wird nur die Impulse geben“

Ein Gespräch mit CIO Dr. Christoph Lahmann über die Chancen und Risiken des Web 2.0


Dr. Christoph Lahmann
CIO Dr. Christoph Lahmann

„Techniklösungen suchen sich ihre Probleme selbst – Verwaltung ist aber Gestaltung.” Diese These, zu hören auf einem der Podien des diesjährigen Kongresses „Moderner Staat” legt den Eindruck nahe, dass es der Verwaltung momentan nicht in dem erforderlichen Maße gelingt, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten oder sie sich positiv zu eigen zu machen. Dies scheint besonders dann zuzutreffen, wenn man an die Möglichkeiten des „social web” denkt. Wie kann oder muss sich die Rolle der Verwaltung gegenüber ihren Nutzern verändern? Welche Chancen bietet das „Mitmach-Web”? Welche Auswirkungen sind für die Beschäftigten denkbar? Darüber sprach ReformZeit mit dem CIO des Landes und Vorstandsvorsitzenden des Landesbetriebs für Statistik und Kommunikationstechnologie (LSKN) Dr. Christoph Lahmann.

ReformZeit: Herr Dr. Lahmann, wie wird der Niedersächsische Landesdienst in zehn Jahren arbeiten?

Dr. Christoph Lahmann: Die kurze Antwort: Der demographische Wandel stellt die Verwaltung vor neue Herausforderungen. Die Arbeitswelt wird sich verändern. Durch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit der Beschäftigten und der Arbeitsbiografie von Frauen wird sich die Altersstruktur in den nächsten zehn Jahren ändern. Darüber hinaus wirkt sich der demographische Wandel auf den ländlichen Raum aus. Nicht jede Gemeinde muss und kann dann noch alle Serviceleistungen für die Bürgerinnen und Bürger selbst erbringen bzw. anbieten. Die Verwaltung ist aufgefordert, vernetztes Arbeiten zu entwickeln. Hier kommt dann unterstützend die Technik hinzu, die es erlaubt, die Erledigung der Arbeit weitgehend von der Örtlichkeit abzukoppeln. Die Aufgaben werden dann gebündelt in Kompetenzzentren erledigt werden. Der jeweilige Verwaltungsmitarbeiter wird wegen des Rückgangs der Bevölkerung nicht mehr ausgelastet sein. Das heißt, entweder erledigt er noch andere Aufgaben oder er zieht alle Aufgabenbestandteile eines größeren Gebietes auf sich, wobei die Technik stark unterstützt. Das geht dann in Richtung Funktionalreform.

ReformZeit: Haben wir damit bereits die sogenannte „kollaborative Verwaltung“?

Lahmann: Noch nicht. Leistungen und Prozesse der Verwaltung beginnen aber immer stärker zusammenzuwachsen. Der Gedanke des „one-stop-government-Service“ geht ja davon aus, dass man die eher undurchsichtigen Zuständigkeiten der Verwaltungsebenen vor dem Nutzer verbirgt und ihm „einen Anlaufpunkt für alles“ anbietet. Diese Vorgehensweise ist trotz positiver Ansätze noch längst nicht überall integriert. Bei der Vorstellung von der kollaborativen Verwaltung kann man noch einen Schritt weiter gehen: Muss die Verwaltung das selbst initiieren? Oder kann sie nicht auch an anderen Datenströmen partizipieren? Beispiel Umzug: Heute habe ich idealerweise in einem Verwaltungsportal die sogenannte Lebenslage „Umzug“ und damit eine Sammlung aller dafür relevanten Verwaltungsleistungen. Ich kann eine Neuanmeldung vornehmen, einen Anwohnerparkschein beantragen usw. Aber als Mensch verbinde ich ja noch andere Dinge mit einem Umzug, die mir in meiner persönlichen Situation vielleicht viel näher liegen. Das könnte eine Bankummeldung sein oder die Suche nach einer neuen Schule für meine Kinder oder etwas ganz anderes. Die Idee besteht nun beispielsweise in der Integration von Meldeprozessen in branchenbezogene Prozessketten. Die Verwaltung nutzt woanders eingegebene Daten, was durch sog. „vermaschte Portale“ ermöglicht wird.

ReformZeit: Wo bleibt denn da der Datenschutz?

Lahmann: Natürlich muss ich als Bürger oder Nutzer der Verwendung meiner Daten zustimmen und auch die Transparenz darüber haben, was mit meinen Daten gemacht wird. Aber in Zukunft könnte es ja reichen, wenn ich einmal entscheide, welche Daten ich wofür freigeben möchte. Dann bin ich nicht genötigt, sie unter Umständen 20 Mal aufs Neue für die Nutzung von elektronischen Bürgerdiensten eingeben zu müssen. Die Verwaltung könnte z.B. einen elektronischen Dokumentensafe anbieten, wo der Bürger oder Nutzer Daten bzw. Dokumente in einem geschützten „Raum“ ablegen kann, und die verschiedenen Dienststellen könnten darauf zugreifen. Der Safeschlüssel bleibt jedoch in meinem Besitz. Ich entscheide, wann der Safe geöffnet und wann wieder geschlossen wird. Diese Art von Dokumentensafes werden zukünftig verstärkt von der Verwaltung angeboten werden. Die Verwaltung ist da absolut vertrauenswürdig, mit schlampigen oder gar kriminellen Praktiken wie dem Weiterverkauf von einmal erhobenen Daten ohne zuvor das Einverständnis des Nutzers einzuholen, hat das rein gar nichts zu tun.

ReformZeit: Abgesehen vom Datenschutz, die Web 2.0-Welt birgt aber doch noch weitere Probleme oder Gefahren.

Lahmann: In der Informations- und Wissensgesellschaft hat der gleichmäßige Zugang zu den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien und zu den über sie vermittelten Inhalten zentrale Bedeutung für die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungs- und Teilhabemöglichkeiten des Einzelnen. Die Nutzung dieser Technologien eröffnet neue Chancen für eine aktive und engagierte Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger an der politischen Willensbildung und an der Herausbildung der öffentlichen Belange auf allen staatlichen Ebenen. Es ist daher eine zentrale politische und gesellschaftliche Aufgabe, die Voraussetzungen für gleiche Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen und die sonst drohende digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Die sogenannten Offliner müssen wir im Blick haben. Europaweit sind das nach statistischen Erhebungen etwa ein Drittel aller Einwohner, in Deutschland liegt die Quote bei ungefähr 20 Prozent. Bei den Onlinern haben wir nach Jahren der Zunahme keine großen Wachstumsraten mehr. Hierfür muss eine für alle zugängliche und bedienungsfreundliche technische Infrastruktur (Geräte, Netze, Programme) geschaffen werden. Zugleich muss die Vermittlung von technischer und kultureller Medienkompetenz für jedermann, gerade auch für ältere Menschen, Zuwanderer, sozial Schwache und Menschen mit Behinderung gewährleistet werden.

Durch die Web 2.0-Nutzung verändert sich momentan die Debattenkultur, das hat einen emanzipatorischen Charakter. Hier beginnt die niedersächsische Landesverwaltung gerade, Erfahrungen zu sammeln, zum Beispiel haben wir im Intranet erste Piloten zur Online-Beteiligung im Beamtenrecht und im Heimstättengesetz gehabt. Das könnte natürlich weiter ausgebaut werden, aber da zeigen sich meiner Meinung nach auch Grenzen. Jeder kann ja im Netz publizieren, kann viele verschiedene Identitäten annehmen. Wenn Sie einer Tageszeitung einen anonymen Leserbrief schicken, haben Sie schlechte Chancen auf Veröffentlichung. Aber im Netz ist das kein Problem. Die elektronische Identität wird immer wichtiger, wenn ganze Debatten ins Internet verlegt werden. Mit der Frage beschäftigt man sich ja intensiv, wenn es um den neuen Personalausweis geht. Letztlich ist dies eine Kulturfrage, wie wir in Zukunft damit umgehen, damit keine „Scheindebatten“ entstehen. Und natürlich bleiben auch die Computerkriminalität und dabei insbesondere zunehmend auch Raub oder Manipulation elektronischer Identitäten reale Gefahren.

ReformZeit: Wie stark ist der Druck, der von der Technik auf die Verwaltung ausgeht?

Lahmann: Der Druck ist in mehrfacher Hinsicht da. Denn die Menschen, die sich heute immer selbstverständlicher im social web bewegen, werden in Zukunft an die Verwaltung veränderte Ansprüche haben – und zwar als Nutzer, der seine Daten nur einmal eingeben möchte. Aber auch als Beschäftigter der Landesverwaltung. Wenn wir als Arbeitgeber attraktiv bleiben wollen, müssen wir die neuen Instrumente auch nutzen. Und wir tun das intern bereits mit Wikis oder modernem Wissensmanagement. Die heutigen social web-Nutzer sind womöglich die Verwaltungs-Führungskräfte von morgen, und mit diesem Generationswechsel geht ein Paradigmenwechsel einher. Technisch ist bereits heute fast alles möglich, die Anwendungen sind hier im LSKN integriert. Aber die Menschen müssen sie benutzen – die Technik wird nur die Impulse geben.

Momentan wird im niedersächsischen IT-Planungsrat die Frage diskutiert, ob wir neue, formale Vorgaben für die dienstliche Nutzung des social web brauchen. Dies ist meiner Meinung nach eine ganz wichtige Sache, dass wir als Beschäftigte sensibel dafür sein müssen, was das social web eigentlich ist. Die transformierende Wirkung des social web auf Verwalten und Regieren ist derzeit weder abschließend erfasst noch bewertet. Deshalb ist es gut, sich frühzeitig der Chancen, aber auch der Risiken bewusst zu werden.

ReformZeit: Was ist Ihrer Meinung nach in Zeiten knapper Budgets für das Land machbar oder sogar unverzichtbar, wenn Sie an die zukünftige technische Entwicklung denken?

Lahmann: Ich würde mir wünschen, dass man gedanklich social media nicht als Erstes mit Einsparungen zusammenbringt, sondern die Möglichkeiten nutzt. Niedersachsen hat in seiner zentralen eGovernment-Plattform bereits die meisten nötigen Module integriert. Erstens braucht es nach wie vor Menschen, die damit umgehen können und wollen. Und zweitens sollte es auf der haushälterischen Seite keine spontanen Streichreflexe geben, sondern ein langfristiges Denken, was die Technik angeht. Nehmen Sie zum Beispiel die Mailkommunikation: Sie ist nicht mehr wegzudenken aus unserem Arbeitsalltag. Als Verwaltungsprojekt wäre die Einführung vermutlich gescheitert.


Birgit Freudenthal
ReformZeit 4 / Dezember 2010

Blick in eine kooperative Zukunft

Strikt nachfrageorientiert, auf ihre Kernaufgaben konzentriert und in flexiblen Kooperationen arbeitend – dies ist eine nicht mehr allzu ferne Vision von Verwaltung. Darüber war man sich auf den verschiedenen Podien des diesjährigen Kongress Moderner Staat im Herbst in Berlin weitgehend einig.

Wann funktioniert das Mitmach-Web?

Beispiele aus der Praxis und eine Studie des Fraunhofer-Institutes zeigen, wie und wann Web 2.0-Anwendungen genutzt werden.

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