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„Politik muss über landesweite Ausweitung entscheiden“

Gutachten zum Ausbau der Telearbeit in der Landesverwaltung vorgestellt


Prof. Dr. von Mitschke-Collande
Prof. Dr. Peter von Mitschke-Collande

Beim Treffen des Steuerungskreises Verwaltungsreform am 18. März wurde unter anderem über den Fortgang der Telearbeit diskutiert. Noch in diesem Jahr soll das Kabinett darüber entscheiden, ob Telearbeit als neue Regelarbeitsform freigegeben wird.

"Telearbeit funktioniert", lautete die wichtigste Botschaft der Arbeits- und Sozialwissenschaftler Prof.Dr. Peter von Mitschke-Collande und Detlev Blechner vom Weiterbildungsstudium Arbeitswissenschaft der Universität Hannover. Zunächst stellten sie die Kernpunkte ihres Gutachtens zum "Ausbau der Telearbeit in der niedersächsischen Landesverwaltung" vor. Die wichtigsten Ergebnisse: Telearbeit ist in allen Bereichen der klassischen Verwaltung möglich, der Bedarf wird steigen, Telearbeit ermöglicht die Bindung qualifizierter Arbeitskräfte in der Familienphase, die Arbeitsergebnisse haben sich verbessert, die Kosten-Nutzen-Bilanz wird bei einer hohen Zahl von Telearbeitsplätzen pro Dienststelle positiv ausfallen und Telearbeit ist eine Arbeitsform, mit der die sozialen Folgen der Verlagerung oder Schließung von Dienststellen aufgefangen werden können, etwa durch die Einrichtung von Satellitenbüros. Dabei arbeiten Beschäftigte in den Räumen einer fremden Behörde, sind aber mit der Stammbehörde vernetzt. Auf diese Weise bliebe der Dienstort derselbe, während die Dienststelle umgezogen ist. Der landesweite Ausbau von Telearbeit könnte nach Meinung der Wissenschaftler somit zugleich Ziel und Mittel der Verwaltungsmodernisierung sein.

Detlev Blechner
Detlev Blechner

Telearbeit gewinnt an Bedeutung

Zurzeit gibt es in der Landesverwaltung nur 190 Telearbeitende. Das Interesse unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist jedoch groß. "Nun muss die Politik darüber entscheiden, in welchem Umfang, in welchem Zeitraum und mit welcher Einführungsstrategie Telearbeit ausgeweitet werden soll", sagte von Mitschke-Collande. Datenschutzrechtliche und technische Fragen seien heute keine Gründe mehr, Telearbeit nicht einzusetzen. Und den zusätzlichen Investitions-, Schulungs- und Unterhaltskosten stellte der Wissenschaftler Einsparpotenziale gegenüber: Bindung qualifizierter Beschäftigter, geringerer Krankenstand, geringere Fluktuation und nicht zuletzt die Möglichkeit der Mehrfachbesetzung von Büro oder Schreibtisch in der Dienststelle, wenn es pro Referat, Abteilung oder Dezernat mehrere Telearbeitende gibt. Eventuell könnte auch die an die Telearbeitenden gezahlte Kostenpauschale für Raumnutzung, Stromkosten usw. gestrichen werden, so von Mitschke-Collande. Schließlich erlangten Telearbeitende Vorteile, indem sie das häusliche Arbeitszimmer steuerlich absetzen könnten sowie geringere Fahrtkosten und Fahrtzeiten zur Arbeit hätten. Die Ausstattung des häuslichen Arbeitsraumes sollte flexibler als bisher gehandhabt werden. "Wenn jemand einen geeigneten Schreibtisch hat, den er gerne weiterhin nutzen möchte, dann braucht man keinen neuen zu kaufen", meint von Mitschke-Collande. Weiterhin schlug er vor, Qualifizierungen über das Studieninstitut Niedersachsen zu finanzieren, bis Telearbeit eine normale Arbeitsform ist, und die Kompetenzen zur Einrichtung des Platzes auf Dauer auf die Dienststellen zu verlagern.

Im Anschluss an den Vortrag der Gutachter diskutierten die Gewerkschaftsvertreter vor allem über die mögliche Rolle von Telearbeit im Rahmen der Verwaltungsmodernisierung. Für die Gewerkschaftsseite stand fest, dass erst über Telearbeit nachgedacht werden könne, wenn "die Strukturen feststehen, die Aufgaben definiert sind und das Zusammenspiel zwischen der Führungskraft und dem Mitarbeiter funktioniert".
Heinke Liere

ReformZeit Nr.2/ April 2004

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