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„Da prallen Welten aufeinander“

Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung wechseln für 14 Tage die Seite


Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung
von links: Christiane Strothmann, Referentin für Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und Geheimschutz im MI, Dr. Jutta Zeddies, Umweltschutzbeauftragte der KWS SAAT AG, Ingo Marek, im Innenministerium zuständig für den kommunalen Finanzausgleich

Schon zum 17. Mal konnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der obersten Landesbehörden im April dieses Jahres Einblick nehmen in die Organisation privatwirtschaftlicher Unternehmen. Im November folgt der Gegenbesuch: Führungskräfte der Partnerunternehmen schauen sich im Rahmen ihres Verwaltungsvolontariats die Arbeitsweise von Ministerien, Bezirksregierungen oder Landesämtern an.

Jungen Führungskräften aus Wirtschaft und Verwaltung einmal die Möglichkeit geben, zu sehen, wie die "andere Seite" funktioniert – das war ausschlaggebend für die Einrichtung des Volontariates. Organisiert wird der jeweils 14 Tage dauernde Austausch vom Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport und den Unternehmerverbänden Niedersachsen; Zeit genug, um einen Überblick über Strukturen und Arbeitsweisen zu bekommen. Über 60 Unternehmen – Dienstleister, große Handwerksbetriebe oder Unternehmen des produzierenden Gewerbes – haben bereits Führungskräfte in die Verwaltung geschickt und im Gegenzug Beamtinnen und Beamte aufgenommen. Insgesamt haben bereits über 350 Führungskräfte an dem Programm teilgenommen und erfahren, wie groß die Unterschiede zwischen der Organisation von Unternehmen und der Struktur und den Arbeitsweisen der Landesverwaltung sind.

Christiane Strothmann besuchte den Reifenhersteller Continental in Hannover. Die dortige Personalentwicklung hat die Referentin für Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und Geheimschutz im Innenministerium überzeugt. "Mit einem systematischen Aus- und Fortbildungskonzept arbeitet das Unternehmen darauf hin, jeden Mitarbeiter zu einem geplanten Karriereziel zu führen. Und jedes Jahr wird überprüft, ob die Schritte zu diesem Ziel erreicht wurden." Solch eine langfristige Perspektive wünscht sich die Teilzeit arbeitende Beamtin auch manchmal.

Ingo Marek hat in "seinem" Unternehmen ganz andere Erfahrungen gemacht. Im Innenministerium zuständig für den kommunalen Finanzausgleich, besuchte er ein international agierendes Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen. "Das war eine völlig andere Welt", kommentiert er die Arbeitsweise dieses Dienstleistungsunternehmens. "Je nach Auftrag werden die Arbeitsteams individuell zusammengestellt – mit Fachleuten aus allen Dependancen, auch aus dem Ausland." Dadurch könne man sicherlich bestmögliche Ergebnisse erzielen, aber die Belastungen für die Beschäftigten seien enorm groß. "Es kann sein, dass man diese Woche in Stuttgart, nächste Woche in Berlin und dann in London oder sonst wo eingesetzt wird. Das halten nicht viele durch. Der Altersdurchschnitt lag bei etwa 30 Jahren", berichtet Ingo Marek. Tauschen möchte der 40-Jährige also nicht unbedingt.

Solche Unterschiede in Personalstrukturen oder Managementmethoden kennen zu lernen – genau darum geht es in dem Volontariat. "Auf der einen Seite kann die Wirtschaft der Verwaltung in vielen Bereichen wichtige Anregungen geben – etwa bei der Technikausstattung, der Personalauswahl oder der Vergabe von Leistungsprämien", sagt Thomas Koch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen. Auf der anderen Seite sei es für die jungen Führungskräfte der Unternehmen aber ebenso zwingend notwendig, zu erfahren, wie die Verwaltung arbeitet, wie dort die Entscheidungswege sind und wer dort für welches Thema verantwortlich ist.

"Der größte Nutzen stellt sich erst im nachhinein ein, weil man die richtigen Ansprechpartner kennt", bestätigt Dr. Jutta Zeddies, die bei der KWS SAAT AG arbeitet. Zwar ist ihr Volontariat schon einige Jahre her, aber von den Erfahrungen profitiert die Umweltschutzbeauftragte noch heute. Als sie Anfang der 90er Jahre ins Umweltministerium ging, war Jutta Zeddies gerade dabei, das Referat Umweltschutz bei KWS aufzubauen. "Da war es natürlich hilfreich, die niedersächsische Umweltschutzstruktur kennen zu lernen", erinnert sie sich. Besonders wichtig war für sie, zu erkennen, wie Hierarchien in der Verwaltung funktionieren. "Ich habe nun Verständnis dafür, warum Gesetzeserstellung und Verwaltungsvollzug manchmal schwierig und langwierig sind", sagt Jutta Zeddies. Seit einigen Jahren betreut sie bei KWS die Volontäre aus der Verwaltung. Wenn es möglich ist, bittet sie um Mithilfe und stellt den Volontären eine Aufgabe, die innerhalb der Praktikumszeit gelöst werden kann. Ein Jurist aus dem Umweltministerium bekam zum Beispiel eine aktuell anstehende Frage aus dem Wasserrecht zur Beantwortung. "Auf diese Weise lernt der Volontär die Probleme vor Ort kennen, und wir haben das Problem mit dem erforderlichen Verwaltungs-Know-how gelöst", erzählt sie.

Ob aus Verwaltung oder Wirtschaft, das Fazit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer lautet übereinstimmend: "Es lohnt sich!"
Heinke Liere

ReformZeit Nr. 4/ Oktober 2004

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