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Mit Kind zur Arbeit

Eltern-Kind-Büro im Sozialministerium ist Baustein für mehr Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz


Eltern-Kind-Büro
Fällt die Betreuung aus, können Beschäftigte des Sozialministeriums ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen und das Eltern-Kind-Büro nutzen.

Die Tagesmutter macht Urlaub, der Kindergarten Fortbildung, die Oma ist krank, der Partner auf Dienstreise. "Worst Case" für berufstätige Eltern mit kleinen Kindern. Vor allem Alleinerziehenden bleibt dann oft nichts anderes übrig als selbst Urlaub zu nehmen oder sich krankschreiben zu lassen, um die Kinder zu betreuen. Seit April dieses Jahres gibt es im Niedersächsischen Sozialministerium eine einfache, familienfreundliche Lösung dieses Problems: das Eltern-Kind-Büro.

Als ein voll ausgestattetes Büro mit PC und Telefon kombiniert mit einem Spielzimmer – so lässt sich der Raum am ehesten beschreiben. "Ich kann auf meinen eigenen PC zugreifen, deswegen lässt sich im Eltern-Kind-Büro genauso gut arbeiten wie in meinem eigenen", sagt Kerstin Albus. Mit ihrem fast dreijährigen Sohn Lasse nutzt sie das familienfreundliche Büro immer dann, wenn ein Betreuungsengpass auftritt. Das ist zum Glück zwar selten, aber es kommt halt vor. Und dann erleichtert das kindgerecht eingerichtete Zimmer ganz nebenbei das störungsfreie Arbeiten: "Lasse war erst einmal fast zwei Stunden damit beschäftigt, das viele unbekannte Spielzeug auszuprobieren", sagt Kerstin Albus.

Das Spielzeug wurde größtenteils von den Beschäftigten selbst gespendet oder geliehen und ist für verschiedene Altersgruppen reichlich vorhanden. Auch an einen Computer für die etwas älteren Kinder – sogar mit Internet-Anschluss – wurde gedacht. "Für mich ist das Eltern-Kind-Büro eine optimale Lösung", meint Kerstin Albus, die als Teilzeitarbeitende auf vergleichsweise wenig Urlaubstage zurückgreifen kann. Weitere positive Nebeneffekte: "Kollegen schauen mal herein, man wird anders wahrgenommen; und mein Sohn weiß jetzt, wo und was ich arbeite."

Grundsätzlich steht jedem der mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialministeriums das Eltern-Kind-Büro zur Verfügung. Formale Kriterien für die Nutzung gibt es nicht; lediglich ein oder mehrere Kinder müssen betreut werden. Wer aus irgendeinem Grund den speziellen Raum nicht nutzen möchte, darf seinen Sohn oder seine Tochter sogar ins eigene Büro mitnehmen. "Wir wollten den eigenen Anspruch der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einlösen", sagt Holger Sendatzki, Leiter des Bereichs Personalentwicklung. Wenn man jetzt in der Wirtschaft für mehr Familienfreundlichkeit werbe, so könne man von eigenen Erfahrungen berichten. Dazu gehört auch die weitgehende Flexibilisierung der Arbeitszeit und das Audit "Beruf und Familie" der Hertie-Stiftung – alles Bausteine des familienfreundlichen MS als Teil eines systematischen Programms der Organisations-, Personal- und Selbstentwicklung (OPuS).

Der konkrete Anstoß für die Einrichtung des Eltern-Kind-Büros sei allerdings von der Sozialministerin und berufstätigen Mutter Ursula von der Leyen selbst gekommen. Bis das Büro im April dieses Jahres eröffnet werden konnte, vergingen drei Monate. "Ohne Haushaltssperre wär es sogar noch schneller gegangen", sagt Holger Sendatzki. Nachahmer der simplen und höchst effektiven Idee sind noch nicht bekannt, aber Interessenten gibt es bereits: So lässt die Stadtverwaltung Göttingen gerade prüfen, ob ein familienfreundliches Büro eingerichtet werden kann.
Birgit Freudenthal

Reformzeit Nr. 4/ Oktober 2004

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