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Ausbilden im Echtbetrieb

Göttingen hat als erste Verwaltung real wirtschaftendes Juniorbüro eingerichtet


Juniorbüro in Göttingen
v.li.: Evelyn Meyer (Umschülerin), Mandy Tille (Auszubildende), Ariane Finger (Studentin zur Verwaltungswirtin) und Ausbilderin Regina Munke

Wer an der Pforte des Göttinger Neuen Rathauses nach dem "Juniorbüro mit den Auszubildenden" fragt, bekommt erst einmal die freundliche Auskunft, dass es so etwas nicht gebe. Des Rätsels Lösung heißt "tue Gutes und rede nicht darüber".

Vor drei Jahren hat die Stadt Göttingen, soweit bekannt, als erste Verwaltung Deutschlands ein Juniorbüro als betriebspraktische Ausbildungsstation eingerichtet – ohne dass bisher davon Aufhebens gemacht wurde. So kann es einem Kunden des Juniorbüros passieren, dass er von den jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern freundlich bedient wird und gar nicht bemerkt, dass es sich hierbei um Auszubildende zu Verwaltungsfachangestellten, bzw. angehende Verwaltungswirte handelt.

Das Konzept der "Juniorfirma" als eigenständige Ausbildungsstätte der privaten Wirtschaft im Echtbetrieb hat der Jurist und Pädagoge Prof. Dr. Gerhard Ropeter auf die öffentliche Verwaltung übertragen und zusammen mit dem Leiter der Ausbildung bei der Stadt Göttingen, Dietmar Weiß, umgesetzt. Die angehenden Verwaltungsfachangestellten des Büros betreuen ausländische Studierende der Universität Göttingen.

Neben dem Tagesgeschäft wie Datenerfassung und -pflege, Recherchen, Gutachtenerstellung oder Klageerwiderungen ist der tägliche Publikumsverkehr mit den ausländischen Studierenden zu bewältigen. Nicht nur die Arbeitsabläufe organisieren die Auszubildenden selbst – tauchen Probleme auf, suchen sie zunächst selbst nach Lösungen. "Das klappt auch meistens. Wenn nicht, ist ja noch unsere Ausbilderin da", sagt Ariane Finger. Die 20-Jährige studiert im dritten Semester an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Hildesheim und hat bis Ende Februar 2006 im Juniorbüro turnusgemäß eine dreimonatige Praxisphase absolviert. Das anfänglich etwas mulmige Gefühl, fast völlig autonom und eigenverantwortlich zu arbeiten inklusive formaler Befugnisse, war bereits nach wenigen Tagen verflogen. "Wir bekommen hier eine gute Ausbildung", da ist sich Ariane Finger mit den anderen im Team sicher. Vor ihrem Weggang ist es ihre Aufgabe, den jeweils nachrückenden Auszubildenden einzuarbeiten. "Diejenigen mit der längsten Erfahrung weisen den Neuling an", erklärt Ausbilderin Regina Munke. Drei Plätze bietet das Juniorbüro, alle vier Wochen rückt jemand nach. Mit Leittexten erarbeiten sich die neuen Auszubildenden selbstständig ihr Einstiegswissen und erwerben durch die Arbeit im Juniorbüro neben Fachwissen vor allem überfachliche Schlüsselkompetenzen wie Kooperationsfähigkeit, die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Problemlösung – und Verantwortungsfähigkeit. Ein Grund, warum das Juniorbüro zu 60 Prozent eine vollständige Sachbearbeitungsstelle ausfüllt. Eine Evaluation, die der Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Marcus Hasselhorn durchführte, ergab, dass alle Lernziele des Juniorbüros erreicht werden und die Zufriedenheit der Auszubildenden hoch ist. Gleichzeitig werden die Ausbilder und Sachbearbeiterinnen entlastet. Die Kunden bewerteten die Arbeit der angehenden Verwaltungskräfte in einer Befragung übrigens mit "gut" und "sehr gut" – in puncto Freundlichkeit schnitten sie sogar noch etwas besser ab als die alten Hasen.

Birgit Freudenthal
ReformZeit Nr. 1/ März 2006

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