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Öffentlicher Dienst schneidet besser ab

DGB lässt zum zweiten Mal die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten ermitteln


Was ist gute Arbeit und vor allem: wie kann man sie messen? Im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes begleitet das Internationale Institut für Empirische Sozialökonomie nach 2007 zum zweiten Mal eine repräsentative Befragung zu den Arbeitsbedingungen aus Beschäftigtensicht in ganz Deutschland.

Logo DGB-Index Gute Arbeit
Tatjana Fuchs
Soziologin Tatjana Fuchs vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie hat den Index Gute Arbeit entwickelt.

Nach der Gesamtveröffentlichung im Sommer dieses Jahres folgen nun nach und nach Sonderauswertungen z.B. nach Alter der Beschäftigten oder Berufsgruppen. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Denn nur 13 Prozent aller Befragten schätzen ihre Arbeit als "gut" ein, 32 Prozent dagegen sehen sich mit überwiegend schlechten Arbeitsbedingungen konfrontiert. Die befragten Verwaltungsfachleute im öffentlichen Dienst beurteilen ihre Situation in einzelnen Bereichen deutlich besser als die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft.

Bis zum letzten Jahr hat es in Deutschland anders als im europäischen Ausland wie Österreich oder Skandinavien keine Arbeitsberichterstattung gegeben. Lediglich zu einzelnen Aspekten waren immer wieder Befragungen durchgeführt worden; untereinander vergleichbar jedoch waren sie nicht. Zu verschieden waren Fragenkatalog und Ziele der Untersuchungen. Der Ermittlung des "Index Gute Arbeit" liegt dagegen eine relativ große Fallzahl von 6400 Beschäftigten zugrunde. Schriftlich wurde eine Zufallsstichprobe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aller Regionen, Einkommensgruppen, Branchen, Betriebsgrößen und Beschäftigungsverhältnissen befragt, und zwar gemäß ihrem Anteil an den abhängig Beschäftigten. Der Index kann somit für sich in Anspruch nehmen, repräsentativ zu sein. Die Befragten beurteilten ihre Arbeitssituation in 15 Feldern, deren Gestaltung maßgeblich für die Qualität der Arbeit ist. Dazu gehören unter anderem Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Betriebskultur, Führungsqualität, Informationsfluss, Arbeitszeitgestaltung, Einkommen oder die beruflichen Zukunftsaussichten. Insgesamt mussten 31 indexbildende Fragen beantwortet werden. Beispiel: "Können Sie eigene Ideen in Ihre Arbeit einbringen?" Allen Antworten wurde jeweils ein Zahlenwert zugeordnet, sodass sich letztlich auf einer Skala von 0 bis 100 die Bewertungen messen lassen.

Die Soziologin Tatjana Fuchs vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie hat den Index entwickelt und ist nun an der Auswertung beteiligt. "In die Ausarbeitung des Fragebogens sind viele theoretische Konzepte miteingeflossen", sagt sie. Der Forschungsstand darüber, was Wohlbefinden oder Gesundheit am Arbeitsplatz beeinträchtigt, sei hierzulande überaus breit – trotzdem habe in der Vergangenheit immer wieder Uneinigkeit geherrscht über grundlegende Entwicklungen in der Arbeitswelt. Hat zum Beispiel die körperliche Belastung tatsächlich abgenommen, wie immer wieder in der Öffentlichkeit zu lesen und zu hören ist? "Bei der Auswertung haben wir festgestellt, dass dies so nicht der Fall ist. Die Belastungen haben sich lediglich verlagert", sagt die Soziologin. Einzelne Ergebnisse der Befragung seien "zum Gruseln", so sehr weichen sie von dem ab, was gute Arbeit ausmacht.

Die Aufgliederung nach Branchen zeigt: In den Büroberufen bewerten etwas mehr Beschäftigte ihre Arbeit als gut (15 Prozent), bei den befragten Verwaltungsfachleuten des öffentlichen Dienstes beschreiben sogar 20 Prozent Arbeits- und Einkommensbedingungen, die man als gut gestaltet charakterisieren kann. Doch es bleibt auch im öffentlichen Verwaltungsbereich noch viel tun, 21 Prozent der dort Beschäftigten berichten von schlecht gestalteten, belastenden und entwicklungsarmen Arbeits- und Einkommensbedingungen. Im direkten Vergleich schneidet der öffentliche Dienst vor allem bei den Kategorien "Sinngehalt der Arbeit", "Arbeitszeitgestaltung" und "Berufliche Zukunft/Arbeitsplatzsicherheit" deutlich besser ab als die private Wirtschaft.

Ihre Aufstiegsmöglichkeiten schätzen beide Beschäftigtengruppen eher schlecht ein, wobei die Mitarbeitenden des öffentlichen Dienstes noch pessimistischer sind als ihre Kollegen in der Privatwirtschaft. "Der öffentliche Dienst ist in den Bereichen besser, in welchen sich die Leute zusammengesetzt haben, um Lösungen für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu finden", interpretiert Tatjana Fuchs das Ergebnis. Für sie ist klar: "Jeder Arbeitsplatz, egal in welcher Branche, kann so gestaltet werden, dass er für die Beschäftigten zu einem guten Arbeitsplatz wird." Dies zeigten die Ergebnisse aufgeschlüsselt nach Branchen ebenfalls, denn in jeder Gruppe gibt es Befragte, die ihre Situation als "gut" wahrnehmen. Insgesamt könne man mit dem Ergebnis aber nicht zufrieden sein, denn der Prozentsatz derjenigen, die sich schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sehen, sei insgesamt mit 32 Prozent erschreckend hoch, so die Soziologin. Dabei gibt es Gesetze, wie das Arbeitsschutzgesetz, das zum Beispiel eine Gefährdungsanalyse für alle Arbeitsplätze vorschreibt und eigentlich dafür sorgen soll, dass die Arbeitsbedingungen gesundheitsförderlich gestaltet werden. Der Repräsentativerhebung komme somit das Verdienst zu, hier eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für arbeitspolitische Diskussionen zu liefern; der Index zeige auch, wo letztlich angesetzt werden müsse, um die Bedingungen zu verbessern.

Einzelne Firmen und Verwaltungen haben bereits Interesse signalisiert, auf Basis des Indexfragebogens Mitarbeiterbefragungen durchführen zu lassen.

Falls Sie Ihren persönlichen Indexwert ermitteln wollen: Unter www. dgb-index-gute-arbeit.de gibt es die Möglichkeit dazu.

Birgit Freudenthal

ReformZeit 4 / Dezember 2008

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