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Verrückt nach Graffiti

Bernd Ellerbrock fotografiert gesprayte Bilder und bearbeitet sie am PC


Schon das Büro verrät einiges über den Menschen Bernd Ellerbrock. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, der Computer in die Ecke verbannt, vereinzelt stehen Skulpturen im Raum, alles hat seine Ordnung. Doch an den Wänden hört die visuelle Ruhe auf. Sie sind vollgehängt mit schreiend bunten Collagen fotografierter Graffiti. Der Leiter der Haushaltsabteilung des Landes vereint in sich das nüchtern Mathematische und das künstlerisch Kreative. Das spiegelt sich in seinem Lebenslauf, in seiner Arbeit und nicht zuletzt in seinem Hobby, der Fotografie, wider.

Bernd Ellerbrock, Graffiti

Vor gerade einmal sechs Jahren entdeckte Bernd Ellerbrock, oberster Haushälter des Landes, seine Liebe zur Fotografie und zu Graffiti. Inzwischen ist sein Büro im Finanzministerium zu einem Ausstellungsraum für seine fotografierten und teilweise neu zusammengesetzten und am Computer bearbeiteten Graffiti geworden.

Eigentlich wollte Bernd Ellerbrock Chemiker werden. Doch kurz vor dem Diplom schmiss er das "etwas langweilige” Studium hin, schlug sich zunächst als Musiker und Journalist durch und landete vor genau 25 Jahren für die Grüne Alternative Bürgerliste (GABL) im Rathaus Hannover. Sein Bereich: Haushalt und Finanzen – und Kultur. Gerhard Schröder holte den Quereinsteiger schließlich zu sich in die Staatskanzlei, und auf die Staatskanzlei folgte die Stelle als oberster Haushälter des Landes im Finanzministerium. "Das Kulturelle geriet während dieser Karriere dann etwas ins Hintertreffen”, sagt der 53-Jährige. Doch wie es so ist, das lang Unterdrückte bricht sich irgendwann Bahn.

Vor gerade einmal sechs Jahren fing es an. Bernd Ellerbrock schenkte seiner Frau eine Digitalkamera – "für die Familienfotos” – und entdeckte dabei sein Faible für die Fotografie. Inzwischen sind seine Bilder regelmäßig in Ausstellungen zu sehen, und im Frühjahr dieses Jahres erschien sein Buch "Großer Garten – Kleines Fest” im Buchhandel. Zwei Jahre lang fotografierte er für sein Projekt "Colori di Conti”, die Farben Contis, auf dem Gelände des schon lange stillgelegten Conti-Werkes in Hannover-Limmer.

Immer wieder zog ihn die Industriebrache an, erkundete er stundenlang nasskalte Keller, düstere Aufzugsschächte, Maschinenhallen, Waschkauen oder Bürotürme. Einen weiteren Schwerpunkt seiner lichtbildnerischen Arbeit bildet die Reisefotografie, vornehmlich im Osten Europas, in Polen, Ungarn und Rumänien. Und dann sind da noch die Fotos von auf Mauern und Häuserwände gesprayten Bildern, die in seinem Büro zu sehen sind.

"Nach bunten, kunstvollen Graffiti bin ich regelrecht verrückt”, gesteht der Haushälter. Mehrere Tausend, in aller Regel legal entstandene Bilder in ganz Deutschland hat er bereits festgehalten. Am Computer bearbeitet er sie, stellt sie in großformatigen Collagen zusammen oder fügt einzelne, freigestellte Figuren zu einem ganz neuen Graffito zusammen. "Fotograffiti” nennt Bernd Ellerbrock diese Kompositionen, in denen, wie er sagt, "längst verschwundene und noch exis-tierende Graffiti sowie stilistisch höchst unterschiedliche Sprüharbeiten weit auseinanderliegender Orte in einem virtuellen Kunstraum aufeinandertreffen”.

Inzwischen hat sich der Vater zweier erwachsener Töchter intensiv mit der Szene auseinandergesetzt, zahlreiche Bücher über diese Subkultur gelesen, kennt sich aus mit "Styles” und "Characters” und hat viele hannoversche Sprayer auch persönlich kennengelernt. "Die meisten sind zwischen 14 und 20 Jahre alt, die Hose hängt in der Kniekehle, sie hören Hip-Hop und tanzen Breakdance.” Als sie ihn einmal in seinem Büro im Finanzministerium besucht haben, seien da schon Welten aufeinandergeprallt.

Bernd Ellerbrock will mit seinen Bildern auch auf Graffiti als fester Bestandteil urbaner Kultur aufmerksam machen, indem er den ästhetisch-künstlerischen Aspekt herausarbeitet. Erst im November führte er anlässlich einer Ausstellung im Verwaltungsgericht Göttingen ein Streitgespräch mit dem Generalstaatsanwalt Norbert Wolf zum Thema "Graffiti zwischen Kunst und Straftat”. Und am hannoverschen Winnicott-Institut für Jugendlichenpsychotherapie hält Ellerbrock Vorlesungen zum Thema "Urbane jugendliche Subkulturen am Beispiel der Graffiti-Szene”.

Doch warum wecken vornehmlich Graffiti, die Ärmlichkeit osteuropäischer Städten oder eine Industriebrache sein fotografisches Interesse? "Es ist die Ästhetik, die im scheinbar Schmuddeligen steckt”, sagt Ellerbrock. "Farben, die beim Verfall durch Rost, Grünspan oder abblätternde Farbe entstehen, Graffiti, die man als Subkultur selbst nur an Orten findet, die nicht gerade schön zu nennen sind, die osteuropäischen Länder, in denen Zerfallenes und Neues häufig unmittelbar nebeneinander existiert.” Diese Brüche, Widersprüche und Parallelwelten sind es, die ihn reizen.

Wenn er die Fotos mit seiner handlichen Digitalkamera nach Hause trägt, werden sie möglichst schnell bearbeitet, sortiert und katalogisiert. Bei allein rund 3.000 Fotos von Graffiti aus ganz Deutschland, verlöre er sonst auch sicherlich den Überblick. Vielleicht kommt in diesem Sinn für Ordnung doch wieder der Haushälter durch, der dafür sorgen muss, dass die Zahlen im Land stimmen."Ich bin aber kein Buchhalter”, betonte Bernd Ellerbrock gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Das ist wohl wahr und auch gut so!

Die "Fotograffiti”-Ausstellung im Verwaltungsgericht Göttingen läuft noch bis zum 6. Februar 2009; "Fotograffiti” und "Colori di Conti” sind vom 13. Februar bis 19. April 2009 in der Städtischen Galerie Lehrte/Alte Schlosserei zu sehen.

Weitere Infos unter www.8Komma0.de

Heinke Liere

ReformZeit 4 / Dezember 2008

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