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Das Überleben lehren

Als erste niedersächsische Polizeibeamtin bildete Kathrin Pfeiffer in Afghanistan Polizisten aus


Polizeiausbildung in Afghanistan
Obwohl die meisten Afghanen keine fremden unverschleierten Frauen kennen, erwarb sich Kathrin Pfeiffer durch ihre Kompetenz und Sprachkenntnisse schnell den Respekt der Rekruten.

Ich bin gelassener geworden”, sagt Kathrin Pfeiffer und wundert sich jetzt manchmal, worüber Menschen sich in Deutschland so alles aufregen können. Vier Monate lang, vom 24. September 2009 bis zum 25. Januar 2010, war die Polizeikommissarin aus Hannover im Norden Afghanistans. Dort, in einem Bundeswehr-Camp etwas außerhalb der rund 300000 Einwohner zählenden Stadt Mazar-e Sharif, bildete sie Polizisten aus.

Tief beeindruckt haben die 29-Jährige zum einen die Armut des Landes und die Spuren, die die Taliban hinterlassen haben. „Wenn man einen alten ausgebrannten Schiffscontainer sieht und dann erfährt, dass Ehebrecherinnen dort hineingeworfen wurden und anschließend Handgranaten, dann geht einem das natürlich nahe”, berichtet sie. Aber gleichzeitig ist da die große Herzlichkeit der Menschen, die sie immer wieder erfahren hat, die überwältigende Schönheit der Landschaft und die beeindruckende Architektur der Stadt mit der Blauen Moschee aus dem 15. Jahrhundert.

Die Aufgabe der Kurzzeitexpertin in den vier Monaten bestand darin, afghanischen Männern und auch einigen Frauen beizubringen, welche wesentlichen Dinge sie als Polizisten beachten müssen, um zu überleben. „In erster Linie geht es um den Selbstschutz bei Kontrollen an Checkpoints, um das Durchsuchen von Personen und Fahrzeugen, Festnahmen, Selbstverteidigung, Erste Hilfe, den Umgang mit einer Kalaschnikow oder dem Schlagstock”, berichtet Kathrin Pfeiffer. Mit der täglichen Polizeiarbeit in Deutschland hat das wenig zu tun, und auch der Unterricht ist nicht vergleichbar.

Etwa sechs bis acht Wochen dauert ein Kurs, die jeweils daran teilnehmenden rund 30 Rekruten kommen aus fast allen Teilen des Landes. „Schließlich ist es einer der best bezahlten legalen Jobs, die Afghanistan zu bieten hat”, sagt Kathrin Pfeiffer. Während die deutschen Polizeiausbilder für das taktische Training zuständig sind, wird der theoretische Teil über die afghanische Verfassung, Strafrecht oder Menschenrechte hauptsächlich von einheimischen Instruktoren übernommen.

Das Problem: „Die Rekruten sind zwar sehr wissbegierig und hochmotiviert, zu nahezu 80 Prozent jedoch Analphabeten”, sagt Pfeiffer. Statt in die Schule gehen zu können, mussten sie meist auf dem Feld arbeiten. Feinmotorik und Konzentrationsfähigkeit seien daher meist eingeschränkt. „Mit Frontalunterricht kommt man da nicht weit”, so die Ausbilderin. „Es macht daher auch wenig Sinn, ihnen beizubringen, Pässe zu lesen, zumal eh kaum jemand einen Pass besitzt. Der afghanische Polizist muss Personen kontrollieren und sein Leben schützen können.” So haben die Ausbilder vor Ort andere Strategien entwickelt, Inhalte über Spiele und Bilder vermittelt oder über Geschichten. „In Afghanistan werden die Dinge von Generation zu Generation mündlich überliefert, es ist eine orale Kultur”, weiß die Polizeikommissarin, die sich intensiv auf ihren Einsatz vorbereitet hat.

Seit 2001 ist Kathrin Pfeiffer im Polizeidienst des Landes, seit 2007 gehört sie der Polizeiinspektion Hannover-Mitte an. Schon früh interessierte sie sich für einen Auslandseinsatz, wollte „einen winzigen Beitrag zum Aufbau eines Landes leisten”. Doch muss man dafür mindestens acht Dienstjahre vorweisen. Nachdem sie 2008 das Auswahlverfahren erfolgreich absolviert hatte, besuchte sie zunächst ein von Niedersachsen organisiertes Englisch-Seminar, anschließend in Lübeck ein zweiwöchiges Basisseminar für alle deutschen Polizisten, die zum ersten Mal ins Ausland gehen, und schließlich ein weiteres dreieinhalbwöchiges Vorbereitungsseminar speziell für die Afghanistan-Mission. Dort wurde insbesondere Erste Hilfe unterrichtet, es gab Fahr- und Situationstrainings mit simulierten Angriffen, und die Polizisten wurden im Umgang mit dem Gewehr „G 36” ausgebildet, das sie in Afghanistan trugen. Kathrin Pfeiffer lernte darüber hinaus bereits ein paar Brocken Dari (eine Variante des Persischen), neben Paschtu die zweite Landessprache und im altpersischen Mazar-e Sharif die Hauptsprache.

„Die Sprache war sicherlich einer der Schlüssel, um als weiblicher Ausbilder anerkannt zu werden”, sagt sie. Die meisten Afghanen hätten noch niemals eine fremde Frau unverschleiert gesehen. Und auch wenn es heute Studentinnen und Ärztinnen gebe, sei es nach allgemeinem Verständnis unehrenhaft für Frauen zu arbeiten. Nun ist Kathrin Pfeiffer aber nicht nur eine Frau und war zumeist die einzige Trainerin im Camp, sondern sie ist zudem jung, sportlich und attraktiv. Auch sie hatte daher im Vorfeld Bedenken, inwieweit sie als Ausbilderin akzeptiert werden würde. „Als weibliche Trainerin sollte man sicher ein paar einfache Verhaltensregeln einhalten: Bei Schmuck und Make-up Maß halten oder besser ganz darauf verzichten, und anders als bei den männlichen Kollegen lieber einen Knopf am Hemd zu viel schließen als zu wenig”, sagt sie. Zwar habe ihr der dienstliche Auftritt mit Uniform und Waffe schon eine gewisse Autorität verliehen, letztendlich, ist sie überzeugt, hätten ihr aber die Sprachkenntnisse und ihre Arbeit den erforderlichen Respekt verschafft.

Unterrichtet wird generell auf Englisch, das dann von Dolmetschern in die Landessprache übersetzt wird. Kathrin Pfeiffer konnte nun aber nicht nur bei Liegestützen auf Dari mitzählen, sondern im Laufe der Zeit auch „lockere Sprüche” und Bemerkungen beim Training miteinflechten. „Meine erste Klasse kam aus Kundus, mit Rekruten, die schon gegen die Taliban gekämpft hatten. Der Zugführer und ich standen uns zunächst etwas skeptisch gegenüber, aber nach einigen Tagen gemeinsamen Trainings kam er dann vor versammelter Mannschaft auf mich zu und sagte: ‚Du bist unser Commander, was Du befiehlst, werden wir ausführen.’ Das war natürlich überwältigend”, erzählt sie.

Viel Freizeit hatte die Polizeikommissarin nicht. Sechs Tage die Woche gab sie von morgens um acht bis nachmittags halb vier Unterricht, hinzu kamen Besprechungen mit den afghanischen Trainern sowie Vorbereitungen und Nachbereitungen des Unterrichts. Den Kontakt zu Familie und Freunden hielt sie über E-Mails und Internet-Telefonie. Auch Weihnachten verbrachte sie im Camp, wo die Bundeswehr einen kleinen Weihnachtsmarkt und eine Weihnachtsfeier organisiert hatte.

Kathrin Pfeiffer hat während ihres Einsatzes noch relativ viel von Afghanistan sehen können, inzwischen sind die Möglichkeiten, das Camp zu verlassen, stark eingeschränkt. „Angst hatte ich nie, aber man ist sich der Gefahr jederzeit bewusst und immer achtsam”, betont die junge Frau. Nach wie vor hält sie Kontakt zu einem afghanischen Übersetzer, und gerne würde sie noch einmal in das Land am Hindukusch reisen, das ihr in den vier Monaten so sehr ans Herz gewachsen ist.

Heinke Liere
ReformZeit 2 / Juni 2010

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