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„Individuallösungen sind nicht wirtschaftlich“

Zentralisierung der IT-Infrastruktur schreitet voran


Dr. Lahmann
„Die IT ist wesentliches Element der effizienten Gestaltung von Verwaltungsabläufen und damit zentraler Treiber der Modernisierung“, sagt Dr. Christoph Lahmann

Seit Januar ist Dr. Christoph Lahmann IT-Bevollmächtigter der Landesverwaltung. Sein Auftrag: Den verwaltungsinternen IT-Einsatz effizient zu organisieren. Sein Vorhaben: Standardisierung und Zentralisierung der informationstechnologischen Infrastruktur, Trennung von Fach- und allgemeinen IT-Aufgaben und Weiterentwicklung des Informatikzentrum Niedersachsen (izn) zum zentralen IT-Dienstleister.

Was im letzten halben Jahr bereits umgesetzt wurde, was noch getan werden muss und ob die Arbeit seinen Vorstellungen entspricht, darüber sprach Dr. Christoph Lahmann mit ReformZeit-Redakteurin Heinke Liere.

ReformZeit: Herr Dr. Lahmann, Sie sind angetreten, um – kurz gesagt – die IT-Landschaft der Verwaltung neu aufzustellen. Wie weit sind Sie?

Dr. Christoph Lahmann: Ein Kernaspekt bei der Neuausrichtung der IT ist sicherlich die Zentralisierung der IT-Infrastruktur im Informatikzentrum Niedersachsen (izn), und da haben wir schon einiges erreicht. Die Staatskanzlei hat ihre gesamte Bürokommunikation und Netzwerkbetreuung bereits zum 1. April an das izn übertragen, das Innenministerium folgte am 1. Mai, Kultus-, Sozial-, Landwirtschafts- und Finanzministerium zum 1. Juni. Die schrittweise Übernahme hat den Vorteil, dass wir ein einheitliches Vorgehensmodell für die Migration entwickeln können.

ReformZeit: Im Vorfeld waren nicht alle Ressorts davon begeistert, ihre IT-Leistungen an das izn übertragen zu sollen.

Lahmann: Die Verlagerung der IT-Aufgaben zu einem zentralen Provider entspricht quasi einem Outsourcing und wirft somit drei Fragen auf: Ist das technisch machbar, ist es wirtschaftlich, und wie funktionieren Service und Betreuung? Da gibt es natürlich Bedenken. Ich kann nur Ministerpräsident Christian Wulff zitieren, der sich in seiner Entscheidung bestärkt fühlt, mit der Staatskanzlei als erstes Ressort die Verantwortung für allgemeine IT-Aufgaben auf das izn übertragen zu haben, weil er mit dessen Service und Support absolut zufrieden ist.

ReformZeit: Nach den Ressorts sollen im 2. Quartal nächsten Jahres die nachgeordneten Behörden ihre allgemeinen IT-Aufgaben an das izn abgeben. Deren Arbeit ist jedoch stärker von Fachanwendungen geprägt. Ist hier eine Übertragung überhaupt möglich und sinnvoll?

Lahmann: Unser Ziel ist, dass das izn die Basis für die IT-Infrastruktur der gesamten Landesverwaltung bereithält und alle von den Ressorts verantworteten Fachanwendungen darauf aufgesetzt werden. Die zentrale Frage lautet: Was ist standardisierbar und liefert uns wirtschaftliche Vorteile, und was muss individuell gelöst werden, um die Aufgaben zu erfüllen? Es ist wie beim Auto: Als Kunde kann ich mir nicht aussuchen, wie lang oder breit es sein soll, aber ich kann zwischen verschiedenen Motoren, Innenausstattungen, Farben usw. wählen, so dass am Ende ein individuelles Produkt auf der Basis standardisierter Elemente steht. Auch bei der IT-Ausstattung geht es nicht darum, allem ein- und dieselbe Lösung überzustülpen, aber das Netzwerk, die Hardware und ein Teil der Software sind allgemeiner Standard, der zentral gepflegt werden kann.

ReformZeit: Nun gehen ja nicht nur die Aufgaben, sondern auch die IT-Verantwortlichen der Ressorts mit ins izn. Wie werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf vorbereitet?

Lahmann: Wir haben in den Ressorts IT-Experten, die für das Land sehr wichtig sind. Dieses Personal folgt nun der Aufgabe. Natürlich mag der ein oder andere den Wechsel aus einem Ministerium oder einer nachgeordneten Dienststelle in einen Landesbetrieb zunächst als Rückschritt empfinden, inhaltlich eröffnen sich jedoch neue Perspektiven für eine fachliche Weiterentwicklung. In einem kleinen IuK-Team ist der IT-Experte für alles zuständig, bei einem großen IT-Dienstleister, zu dem wir das izn ausbauen wollen, kann er sich spezialisieren. Für das izn ist IT schließlich das Kerngeschäft, für die Dienststelle nur Randbereich. So bietet das izn mit Sicherheit eine größere Aufgabenvielfalt. Tagesbetrieb, Entwicklung, Projekte, Kundenbetreuung, Vertrieb – all das sind nun Optionen.

Der Wechsel ins izn bedeutet aber nicht, dass nun alle IT-Expertinnen und -Experten künftig im Stammhaus in Hannover arbeiten. Technikunterstützung und Serviceleistungen müssen auch vor Ort erbracht werden. Deswegen werden über die heute bestehenden Geschäftsstellen hinaus weitere dezentrale Standorte entstehen.

ReformZeit: Wird der Prozess von einem Personalentwicklungskonzept begleitet?

Lahmann: Wir sind auf jeden einzelnen IT-Experten angewiesen, deren Know-how ist wichtig, und wir wollen jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin fördern. Daher entwerfen wir zurzeit ein PE-Konzept, das Fragen der Laufbahnentwicklung, des Verwendungsaufstiegs und der fachlichen Entwicklungsmöglichkeiten beinhaltet.

ReformZeit: Das Projekt zur Neuausrichtung der IT heißt "mit.niedersachsen", also "Moderne IT in Niedersachsen". Was ist das Moderne an Ihrem Ansatz?

Lahmann: Die einzelnen Aufgaben und Anforderungen werden heute von den dezentralen Einheiten für sich genommen sehr gut abgebildet, keine Frage, doch die Gesamtheit der vielen Individuallösungen ist nicht mehr wirtschaftlich. Modern bedeutet für mich, eine wirtschaftliche, flexible und individualisierbare IT-Infrastruktur zu schaffen. Wie Strom aus der Steckdose soll die IT-Infrastruktur die standardisierte und bewährte Basis für den Betrieb weiterer Anwendungen sein.

ReformZeit: Hinter vorgehaltener Hand hieß es, als Mann aus der Wirtschaft könnten Sie ja gar nicht einschätzen, was auf Sie zukäme. Tickt Verwaltung doch anders als die freie Wirtschaft?

Lahmann: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Gemeinsamkeiten zwischen einem Großunternehmen und der Verwaltung die Differenzen bei weitem überwiegen. Die viel beschworenen Widerstände gibt es genauso in großen dezentralen Unternehmen mit eigenständigen Geschäftsbereichen, und das Engagement der Beschäftigten hängt ganz genauso von deren Persönlichkeit ab und nicht vorrangig vom Arbeitgeber. Die Unterschiede bestehen allenfalls darin, dass es in der Landesverwaltung eine Verzahnung von fachlicher Aufgabenerledigung und politischer Steuerung gibt und dass Verwaltung nicht gewinnorientiert arbeitet. eGovernment ist eben nicht eBusiness.

Hintergrund: Neuausrichtung der IT

Mit dem Kabinettsbeschluss vom April letzten Jahres wurde das Thema Neuausrichtung der IT in die politische Agenda aufgenommen und damit in seiner Bedeutung gestärkt. Der jetzige Kabinettsbeschluss vom 9. Mai konkretisiert die damals gesetzten Eckpunkte. mehr…

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